Mi., 27.09.2017

Uni Münster im Exzellenzwettbewerb Wissen befruchtet Debatten

Die Debattenkultur in der Wissenschaft, aber auch in Politik und Gesellschaft wird durch den Exzellenzcluster „Religion und Politik“ – hier Nachwuchswissenschaftler – befruchtet.

Die Debattenkultur in der Wissenschaft, aber auch in Politik und Gesellschaft wird durch den Exzellenzcluster „Religion und Politik“ – hier Nachwuchswissenschaftler – befruchtet. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Für die Universität Münster geht es am Donnerstag wieder um viele Millionen Euro Forschungsmittel. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft trifft die Vorentscheidung, welche Bewerbungen für die neue Runde der Exzellenzinitiative weiter im Rennen sind.

Von Karin Völker

Geistes- und Kulturwissenschaften sind in aller Regel die Disziplinen, die bei der Forschungsförderung im Fokus stehen. Unter den 43 in Deutschland durch die Exzellenzinitiative geförderten Cluster gibt es nur sechs in den Geisteswissenschaften. Der Cluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster war einer der ersten – und er ist bislang der einzige, der sich mit dem Thema Religion beschäftigt.

Politik ist zu allen Zeiten ein brisanter Stoff für die Forschung – aber die Religion ist es zunehmend auch. „Im Laufe der zehn Jahre sind unsere Wissenschaftler immer häufiger

gefordert, wann es um die Einschätzung aktueller Phänomene oder zeitgeschichtlicher Ereignisse geht“, sagt die Historikerin Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger. Sie ist stellvertretende Sprecherin des Exzellenzclusters und Hauptantragstellerin für den Forschungsverbund, der in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs 2007 zum Erfolg führte.

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In einem Geschichtsseminar über Mode und Kleidungsrituale waren wir sehr schnell beim Thema Kopftuch und Burka.

Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger

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Einer der Anlässe, der die Expertise im Cluster forderte und zur Aufklärung in einer aufgeheizten Debatte beitrug, war ein Urteil des Landgerichts Köln zur Beschneidung. Wissenschaftler des Clusters wurden damals von Fraktionen in Parlamenten eingeladen, um die Sicht auf eine differenzierte Betrachtung zu ermöglichen. Rechtswissenschaftler, islamische und jüdische Theologen, Historiker waren gefordert. Was bedeutet ein religiöses Ritual für die Identität und Zugehörigkeit zu einer Kultur oder eine Gruppe? Diese Frage bewegt auch in vielen anderen Zusammenhängen: „In einem Geschichtsseminar über Mode und Kleidungsrituale waren wir sehr schnell beim Thema Kopftuch und Burka“, berichtet Stollberg-Rilinger.

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Man muss sich auf anderes Denken einlassen.

Prof. Detlef Pollack

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„Die Zusammenarbeit im Cluster haben das Denken der Wissenschafter in ihren Fachdisziplinen verändert, sagt Prof. Detlef Pollack. Sein Fach, die Religionssoziologie, wurde erst mit dem Cluster an der Universität etabliert. Pollack erinnert sich, welche Verständigungsschwierigkeiten sich schon allein zwischen Ökonomen und Theologen

ergeben können, und er findet es besonders wertvoll, dass die Beteiligten dabei nicht nur die eigene Sicht reflektieren, sondern auch die auf andere Fächer. „Man muss sich auf anderes Denken einlassen – wir kennen uns jetzt viel besser“, sagt Pollack – „und es gibt mehr Wettbewerbsgeist.“

„Kleine“ Fächer, wie Ägyptologie, Arabistik, Judaistik, Byzantinistik oder Altorientalistik, die allesamt wertvolles Wissen bergen und ausbauen, bekommen durch die Vernetzung im Cluster nicht nur die Chance, sich zu behaupten, sondern ihre Bedeutung zu steigern.

Auch die Öffentlichkeit, so betonen die Verantwortlichen, profitiere von den Mitteln des Clusters: So zum Beispiel die altägytische Mumie, die sich als Dauerleihgabe in Obhut der Universität befindet, auf Kosten des Clusters restauriert und im Archäologischen Museum im vergangenen Winter ausgestellt.

Das gegenwärtig brennende Thema „Religion und Gewalt“, herausgefordert durch Kriege, Terrorakte und Gräueltaten islamischer Fundamentalisten, ist ein Originäres für die Forsches des Clusters, die an der Johannisstraße in einem eigenen Gebäude ein Hauptquartier haben. Populistischen Ergüssen zum Trotz nimmt Stollberg-Rilinger die öffentliche Debatte über Gewalt und Religion heute als differenzierter wahr, als vor zehn Jahren. So trage die Wissenschaft dazu bei, dass gesellschaftspolitische Debatten durch Fachwissen versachlicht werden könne. Dass das zwischenzeitlich gegründete Zentrum für islamische Theologie als Teil des Clusters eine zunehmend bedeutsame Rolle spielte, ist eine Folge aktueller Entwicklungen. Auch die Debatten um die richtige Integrationspolitik wurden und werden von Studien des Clusters begleitet.

Auch wenn das Zusammendenken der vielen Fächer nun ein Stück Routine geworden ist, sich eine neue Wissenschaftskultur etabliert hat – auf eine weitere Förderung des Clusters hoffen die Akteure schon. Es würde manches nicht weiterfinanziert werden können, so die Befürchtung der Akteure. Ganz abgesehen davon, dass die Forschung in einem Cluster an sich nicht ohne Prestige ist.

Religion und Politik: Zahlen und Fakten

► Der Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“ besteht seit 2007.

► Rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und rund 14 Nationen beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen.

►Bund und Länder fördern das Vorhaben in der zweiten Förderphase der Exzellenzinitiative von 2012 bis 2018 mit 40,1 Millionen Euro.

► Das Spektrum der rund 80 Forschungsprojekte reicht vom Altertum bis zur Gegenwart: von der antiken Götterwelt über Judentum, Christentum und Islam in Mittelalter und früher Neuzeit bis hin zur heutigen Situation in Europa, Amerika, Asien und Afrika.

► Beteiligt sind folgende Fächer: Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Religionssoziologie und Religionswissenschaft, katholische, evangelische, orthodoxe und islamische Theologie, klassische und moderne Philologie sowie Philosophie, Kunstgeschichte, Arabistik, Ethnologie, Altorientalistik, Archäologie, Ägyptologie, Judaistik, Byzantinistik, Musik- und Buchwissenschaft.



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