Do., 28.09.2017

Ex-Jupiter-Jones-Sänger Nicholas Müller als Buchautor Die Angst beherrschen

Blickt zuversichtlich in die Zukunft: Nicholas Müller hat seine Angststörung gut im Griff.

Blickt zuversichtlich in die Zukunft: Nicholas Müller hat seine Angststörung gut im Griff. Foto: Philipp Haas

Münster - 

Mit dem Song „Still“ stürmte Nicholas Müller als Frontsänger der Band „Jupiter Jones“ 2011 die Charts. Zu dem Zeitpunkt litt der heute 35-Jährige schon unter einer schweren Angststörung. Vier Jahre später verließ er die Band, machte eine Therapie. In einem Buch rechnet Nicholas Müller mit der Krankheit ab. Mit unserem Redaktionsmitglied Anna Spliethoff sprach er über Erlebtes und die Zukunft.

Wie geht es Ihnen heute?

Nicholas Müller: Hervorragend. Mir geht es gut.

Das ist schön zu hören. Dass es Ihnen nicht immer so ging, zeigt auch Ihr Buch. Hat Ihnen das Schreiben geholfen?

Müller: Einerseits hat es geholfen, andererseits bin ich aber an vielen Stellen auch in Revision gegangen. Es gibt Kapitel im Buch, die weh getan haben und die im Schreibprozess unheimlich viel von mir abverlangt haben. Und auf der anderen Seite war es auch gut alles aufzuschreiben, um festzustellen, wie gut es mir jetzt eigentlich geht.

Sie waren lange Zeit nicht zufrieden mit Ihrem Leben. Womit fing das an?

Müller: Der ausschlaggebende Punkt war der Tod meiner Mutter. Damit begann meine Panikattacke. Und in meinem Buch versuche ich über die Angst zu sprechen und auch über ihre Wurzeln.

Obwohl viele Sachen sehr privat sind, gehen Sie sehr offen mit der Angststörung um. Wieso?

Müller: Wir haben unglaubliche Zahlen von Menschen, die unter Angst zu leiden haben. Wir sprechen da von zehn Millionen plus Dunkelziffer. Dennoch ist es ein Tabuthema. Und das sehe ich nicht ein.

Warum nicht?

Müller: Weil es zum einen die menschlichste Reaktion ist, die man haben kann. Und zum anderen sind so viele betroffen. Ich sehe es als selbstverständlich an, dass man darüber sprechen kann. Die Krankheit ist Normalität geworden, das ist bitter-traurig und deswegen muss darüber gesprochen werden.

Zurück zu Ihrem Buch. Der Titel heißt „Ich bin mal eben wieder tot“. Was hat es damit auf sich?

Müller: Ich leide unter einer Angststörung und auch unter einer Panikstörung. Das bedeutet unterm Strich, dass man eine Ahnung vom Tod hat. Man denkt jedes Mal, man würde jeden Moment sterben. Der Titel soll nicht zynisch klingen, er ist eher ein Frieden machen mit der Situation.

Unter dem Titel steht dann: „Wie ich lernte, mit der Angst zu leben“. Verraten Sie mir, wie Sie gelernt haben, damit zu leben?

Müller: Sehr gerne sogar, weil es eigentlich jedem anzuraten ist: Ich habe mich in Therapie begeben. Das war für mich der beste Weg, gesund zu werden. Die Gesprächstherapie war für mich der Weg aus der ganzen Nummer raus. Es muss viel aufgearbeitet werden, um sagen zu können: Okay, die Angst hat ihre Berechtigung, aber sie übernimmt nicht mehr die Kontrolle.

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Kann man sagen, dass Ihr Buch eine Abrechnung mit der Angst ist, die Sie so lange beherrscht hat?

Müller: Ja genau, mit dem Teil, der mich beherrscht hat. Es ist ganz wichtig, dass man selbst die Angst besitzt und nicht umgekehrt. Es ist wichtig, Angst zu haben, aber man muss sie halt beherrschen lernen. Jetzt zu den Wahlen sehe ich, in welcher Form Menschen Angst instrumentalisieren, um sie für ihren eigenen Vorteil zu nutzen. Das ist ein Spiel mit dem Teufel. Die Angst ist da, um uns das Leben zu retten. All die Menschen, die versuchen, Hass zu sähen, die arbeiten auch mit Angst. Da müssen wir einen bewussten Umgang mit der Angst pflegen.

Im Epilog heißt es „Das Leben ist;“ und dann ist Ende. Ist das so gewollt?

Müller: Das ist ganz bewusst. Das Semikolon ist ja so ein bisschen das Satzzeichen, das sich nicht traut, will kein Punkt und kein Komma sein. So wollte ich es auch halten, um auch den Biografie-Teil rauszuhalten. Ich werde nächsten Monat 36. Jetzt eine Autobiografie zu schreiben hielt ich für völlig schwachsinnig.

In unserer Gesellschaft findet ein Wandel statt. Macht Ihnen das Angst für die Zukunft?

Müller: Für meine eigene Zukunft nicht. Ich bin keiner, der erwartet, dass in den nächsten Monaten oder Jahren wieder Menschen mit Hakenkreuzflaggen durch die Straßen marschieren. Die Welt ist voller gefährlicher Idioten, aber es ist doch an uns, etwas daran zu ändern. Deswegen habe ich keine Angst, weil ich da noch genug Hoffnung habe, dass man das gemeinsam hinkriegen kann.

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Nicholas Müller liest am 1. Oktober um 20 Uhr in der Pension Schmidt, Alter Steinweg 37. Sein Buch „Ich bin mal eben wieder tot“ erscheint am 2. Oktober.

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