Do., 28.09.2017

Skulptur-Projekte 2017: „Not Quite Under Ground“ von Michael Smith Der Zapfenstreich ist nicht das Letzte

Der Mensch ist nie zu alt, um sich tätowieren zu lassen – findet offenbar auch dieser Kunde hier. Das Skulptur-Projekt von Michael Smith hat viele Senioren animiert, sich eines der vorgegebenen Motive (kl. Bild) stechen zu lassen.

Der Mensch ist nie zu alt, um sich tätowieren zu lassen – findet offenbar auch dieser Kunde hier. Das Skulptur-Projekt von Michael Smith hat viele Senioren animiert, sich eines der vorgegebenen Motive (kl. Bild) stechen zu lassen. Foto: Anne Koslowski

Münster - 

Das englische Wort „Tattoo“ bedeutet „Zapfenstreich“, also ein letzter Akt des Abgangs, der finale Paukenschlag, Das endgültige „Tröööt“. Für Michael Smith ein Fanfarenstoß. Denn mit 66 Jahren fängt für den Künstler (Jahrgang 1951) aus den USA das Leben erst an. Sein Skulptur-Projekt für Menschen ab 65 Jahren heißt „Not Quite Under Ground“. Die Menschen diesen Alters sind eben noch nicht unter der Erde – beste Gelegenheit und Zeit, wieder jung zu werden. Und in der Jugend ist das Tätowierenlassen seit geraumer Zeit eine Mode.

Von Gerhard H. Kock

Daher sind die herzig erotischen Schmuddelbilder der Seemänner schon lange keine Untergrund-Kultur mehr. Tattoos gehören zur Menschheitsgeschichte. Schon der Gletschermann „Ötzi“ hatte eingeritzte Zeichen in seiner Haut. Und in die Kunstkultur kamen sie durch Timm Ulrichs. Der Hannoveraner hat Tätowiermotive schon Mitte der 70er Jahre in die traditionelle Kunstwelt eingebracht. Gemäß seiner Maxime „Totalkunst ist das Leben selbst“ ließ der langjährige Professor an der Kunstakademie Münster sich 1981 aufs rechte Augenlid „The End“ sowie vor Kurzem „Copyright by Timm Ulrichs“ über dem rechten Fußgelenk stechen.

Michael Smith, der in dieser Woche im LWL-Landesmuseum zu Gast war, popularisiert mit seiner Rabattaktion für Senioren die Farbstecherei, bringt Jugendkult unter die Haut der Alten, bietet bei den Skulptur-Projekten gleichsam tätowierte Souvenirs an.

Eigens für die internationale Ausstellung bat er aktuelle und frühere Teilnehmer der Skulptur-Projekte sowie befreundete Künstler um Motive, die auch breiten Zuspruch fanden. In das Studio „Tätowiersucht“, das Partner des Projektes wurde, kommt sonst vielleicht ein Senior pro Jahr als Kunde, in diesen Wochen und Monaten ist es durchschnittlich ein Senior täglich.

Auf Instagram ist nachzuvollziehen, welche Motive auf die Haut als Leinwand kamen: Mehrere haben sich „We are still and reflective“ tätowieren lassen, das Skulptur-Projekt des Schotten Martin Boyce von 2007 (befindet sich in der öffentlichen Sammlung des Landesmuseums am Alten Zoo). Ein Mann hat sich als Stelle für die locker verteilten Letter seine (dafür eigens freirasierte) behaarte vordere Schulterpartie ausgesucht, bei einem anderen wuseln die Buchstaben nun kurz über dem rechten Ellenbogen herum. Einen fallenden Comic-Hahn von Sany (Skulptur-Projekte 2017) trägt eine ältere Frau jetzt auf dem rechten Oberarm, und seine herabstürzende nordische Weltesche Ygdrasil fällt jetzt am Hals einer Dame Richtung Rücken.

Cathy Fairbanks „Hinterteil“-Motiv ist schon fast Trend: Es ziert nicht nur die Pobacke von Kurator Kasper König, der sich überrascht zeigte, dass die Muskeln eines männlichen Tänzers die Vorlage abgaben, auch eine junge Frau trägt diese Linien nun auf ihrem verlängerten Rücken. Ein Teil von Martha Roslers Skulptur-Projekt von 2007, der Wiedertäufer-Käfig, befindet sich auf dem rechten Unterarm einer Frau – unter einem riesigen Nachtschwärmer am Oberarm. Die Silhouette der durchschnittlichen Prinzipalmarkt-Fas-sade (Skulptur-Projekt 2017 von Peles Empire) prangt auf dem Bizeps eines jungen Mannes. Das Linien-Gewirr von Nicole Eisenman erfreute sich großer Beliebtheit: So haben Corinna und Johannes es sich beide gleichzeitig auf den rechten Unterarm stechen lassen. Äußerst populär ist auch Alexan­dra Piricis „T I M E“ im Kreis gestochen mehrfach.

Galerist Claus Steinrötter ließ sich Dan Seiples Totenkopf auf den Arm tätowieren. Und seine Frau Antje Vogel hat sich ihren eigenen Vogel als Motiv mitgebracht.

Besonderen Humor bringt jener Mann mit, der sich an die Stelle, wo Ärzte den Puls am Handgelenk als Lebenszeichen messen, einen Vorschlag von Dike Blair hat tätowieren lassen. Dort steht nun: „nicht reanimieren“. 

 

 

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