Sa., 30.09.2017

Homöopathie – ein Streitgespräch über das richtige Behandeln Heilkunde gegen Heilpraxis

Streitgespräch in der Redaktion (v.l.): Christian Wilms, Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Siegfried Schierstedt, Heilpraktiker in Münster und Vorstandsmitglied des Fachverbandes, mit dem Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst.

Streitgespräch in der Redaktion (v.l.): Christian Wilms, Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Siegfried Schierstedt, Heilpraktiker in Münster und Vorstandsmitglied des Fachverbandes, mit dem Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Homöopathie ist gefährlich und gehört stark eingeschränkt, fordern Ärzte und Wissenschaftler – ein Streitgespräch über das richtige Behandeln.

Der „Münsteraner Kreis“, eine Runde von Medizin-Ethikern, Ärzten, Juristen unter Leitung der Medizin-Ethikerin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert von der Universität Münster, sorgt mit der Schrift „Münsteraner Memorandum“ für einen Aufruhr unter Heilpraktikern und Menschen, die dort Hilfe suchen. Das Memorandum brandmarkt die Heilpraktiker als Scharlatane und Gefahr für die Patienten. Nicht nur das Memorandum kommt aus Münster, hier hat auch der freie Verband Deutscher Heilpraktiker, Mitglied im Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände (DHH), seinen Sitz. Nach der Veröffentlichung des „Münsteraner Memorandums“ hat sich die Redaktion unserer Zeitung bemüht, beide Parteien zu einem Gespräch an den Tisch zu bekommen. Vertreter des „Münsteraner Kreises“ waren dazu nicht bereit. Wohl aber der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst, der die Kritik am Heilpraktikerberuf in einer Pressemitteilung begrüßt hatte. Windhorst diskutierte mit dem Präsidenten des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Christian Wilms, und dem münsterischen Vorstandsmitglied des Verbandes, Siegfried Schierstedt, in der Redaktion. Die Redakteure Karin Völker und Klaus Baumeister stellten die Fragen.

Ärzteschaft und Heilpraktiker waren sich auch vor dem Memorandum nicht immer grün. Wie bewerten Sie die jetzt vorgebrachte, massive Kritik am Heilpraktikerberuf?

Wilms: Ich muss schon sagen, wir sind sehr erschrocken. Es wird hier ja nichts weniger als die Abschaffung eines ganzen Berufsstandes gefordert. Das finden wir besonders deshalb unglaublich, weil die Autoren des Memorandums mit uns gar nicht gesprochen haben und sich unter den sogenannten Experten kein einziger Heilpraktiker befindet.

Windhorst: Die Forderung nach Abschaffung des ganzen Berufsstandes schießt über das Ziel hinaus, ein Berufsverbot geht mir zu weit. Heilpraktiker bieten, was manchem Arzt mitunter im hektischen Gesundheitsbetrieb flöten gegangen ist: Sie nehmen sich Zeit für Gespräche mit ihren Patienten. Aber Heilpraktiker sollten keine Diagnose stellen und Therapien veranlassen dürfen. Sie üben keine Heilkunde am Patienten aus, sie üben Heilpraktiken ohne strukturierte, qualifizierte Ausbildung aus. Ihre Qualifikation ist mit denen eines Arztes überhaupt nicht vergleichbar. Für die Patientensicherheit brauchen wir gesetzliche Vorgaben, die die Arbeit der Heilpraktiker neu regeln.

Herr Windhorst, warum ist die Patientensicherheit durch den Heilpraktikerberuf gefährdet?

Windhorst: Eben weil die Qualifikation der Heilpraktiker nicht gesichert ist. Patienten müssen wissen, worauf sie sich bei einer Behandlung einlassen. Ein Arzt muss sechs Jahre studieren, mehrere Staatsexamina ablegen und noch eine mehrjährige Facharztausbildung absolvieren, später ständig Fortbildungen nachweisen, um praktizieren zu dürfen. Um sich für die Heilpraktikerprüfung anzumelden, reicht ein Hauptschulabschluss.

Schierstedt: Sie haben ein völlig falsches Bild vom Heilpraktikerberuf. Viele Heilpraktiker kommen aus Gesundheitsberufen, wie etwa Physiotherapeuten. Viele sind Akademiker, z.B. Apotheker oder Psychotherapeuten. Die meisten absolvieren eine mehrjährige Ausbildung an den Heilpraktiker-Schulen, wo medizinisches Wissen gelehrt wird, Anatomie und Pathologie. Die staatliche Prüfung, die für die Zulassung zum Beruf nötig ist, muss bei den Kreisgesundheitsämtern abgelegt werden. Sie ist mit einer schriftlichen und mündlichen Überprüfung durch den Amtsarzt und zwei Beisitzern sehr anspruchsvoll. Die Durchfallquote liegt bei circa 80 Prozent.

Wilms: Unsere Patienten wissen, genau, wo sie sind, nämlich nicht bei einem Arzt, sondern eben beim Heilpraktiker. Fast alle kommen ja deshalb zu uns, weil sie zuvor bei Ärzten keine ausreichende Hilfe oder Linderung erhalten haben. Optimal ist die Behandlung, wenn Heilpraktiker und Arzt zusammenarbeiten.

Gibt es denn solche Fälle von Kooperation oder wenigstens Koexistenz – und könnte sie nicht ein Modell sein?

Wilms: Ich schicke in der Tat Patienten bei Bedarf zum Arzt. Wenn sie mit Erkrankungsbildern kommen, die man selbst als Heilpraktiker nicht ausreichend behandeln kann, werden die Patienten dann auch an den Arzt verwiesen.

Windhorst: Eine Zusammenarbeit wäre denkbar, wenn die Behandlung beim Heilpraktiker eine Ergänzung zur ärztlichen Therapie ist. Wir erleben aber immer wieder, dass Heilpraktiker Behandlungen veranlassen und durchführen, die aus wissenschaftlicher Sicht wirkungslos sind. Wenn sich Krebspatienten – wie geschehen – bei Heilpraktikern therapieren lassen, kann das sehr gefährlich für die Betroffenen werden.

Sind denn Patienten nicht autonom? Auch beim Arzt entscheiden sie ja schließlich über ihre Behandlung.

Windhorst: Ach, da könnten wir anfangen, über die Gurtpflicht zu diskutieren. Es ist doch einfach so: Beim Arzt können Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher sein, nach wissenschaftlichen Standards behandelt zu werden, beim Heilpraktiker nicht.

Ein anderes Beispiel: Ist denn die Patientensicherheit auch gefährdet, wenn ein Patient, sagen wir, mit Kniebeschwerden zum Heilpraktiker geht?

Wilms: Gutes Beispiel. Ich bin seit 30 Jahren spezialisiert auf Kniebehandlungen. Natürlich schaue ich mir auch, wenn vorhanden, Röntgenaufnahmen an und stelle eine Diagnose, aber auch aufgrund anderer Befunderhebung, wie zum Beispiel Gangbild, Fehlstellungen etc. In manchen Fällen konnten so schon durch konservative Therapie Operationen vermieden werden.

Windhorst: Gerade beim Knie kommt es aber auf den richtigen Zeitpunkt für eine Operation an. Und der kann auch verpasst werden. Das ist durchaus eine Gefahr für den Patienten, wenn er nachher nicht mehr laufen kann. Ärzte, die Knie behandeln, besuchen dafür spezielle Kongresse, sie halten ihr Wissen mit regelmäßiger Fortbildung auf dem neuesten Stand. Bei Implantationen und Techniken gibt es immer wieder Neues.

Gibt es eigentlich auch Regressforderungen oder Klagen vor Gericht wegen Fehlbehandlung von Patienten gegen Heilpraktiker, so wie gegen Ärzte?

Schierstedt: Für uns gilt natürlich die gleiche Sorgfaltspflicht, dazu gibt es auch ein Urteil des Bundesgerichtshofes. Zudem gibt es kaum juristische Auseinandersetzungen. Die Therapien, die Heilpraktiker durchführen, sind risikoarme Verfahren.

Windhorst: Ärzte tragen ein hohes Risiko – zum Beispiel bei Interventionen und Operationen. Außerdem ist das Anspruchsdenken bei Patienten teilweise stark ausgeprägt. Wenn ein Arzt eine bestimmte Behandlung verweigert, weil er sie für nicht sinnvoll hält, holt der Patient sie sich beim nächsten Kollegen.

Und manche gehen zum Heilpraktiker. Fürchten die Ärzte eigentlich deren Konkurrenz?

Windhorst: Überhaupt nicht. Ich empfinde da keinerlei Futterneid oder Wettbewerb. Ärzte haben einen klaren Versorgungsauftrag und machen etwas ganz anderes als Heilpraktiker.

Wie bewerten Sie es denn, dass sich auch ausgebildete Ärzte auf Naturheilverfahren spezialisiert haben und manche ihrer Behandlungen auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, Akupunktur zum Beispiel?

Windhorst: Über die Wirksamkeit dieser Verfahren gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, und dass dafür 1,5 Milliarden Euro jährlich an Gesundheitskosten für aufgebracht werden, sehe ich kritisch. Aber die ausgebildeten Mediziner, die solche Verfahren anwenden, halten schulmedizinische Balance ein. Sie sind mir allemal lieber als Heilpraktiker, die ein Sammelsurium von vermeintlichen Spezialisten darstellen, deren Qualifikation alles andere als gesichert ist. Bei Ihnen beiden mag das ja anders sein. Der Heilpraktikerberuf ist ja eine Besonderheit in Deutschland, er fußt ja bis heute auf einem Gesetz von 1939. Heilpraktikern wurde damals das Behandeln erlaubt, weil es zu wenige Ärzte gab. Nachdem die Nazis viele jüdische Ärzte vertrieben, verschleppt, ermordet hatten, waren die Mediziner knapp. Nach dem Krieg wurde in der Bundesrepublik dann der Fortbestand des Berufes gesetzlich festgeschrieben. In der DDR wurden keine neue Heilpraktiker mehr zugelassen.

Wilms: Mit der Folge, dass es 1990 noch exakt elf Heilpraktiker in Ostdeutschland gab.

Wie viele Heilpraktiker gibt es denn jetzt in Deutschland, und wie viele Patienten haben diese?

Wilms: Es gibt ungefähr 47 000 Heilpraktiker. Patientenzahlen sind nicht bekannt. Jeder arbeitet ja selbstverantwortlich. Man schätzt, dass zwölf Millionen Menschen in Deutschland schon einmal beim Heilpraktiker waren, aber das ist nicht gesichert.

Herr Windhorst, Sie gehören offenbar nicht dazu...

Windhorst: Ganz bestimmt nicht, aber ich kann in gewisser Weise nachvollziehen, dass Menschen, die sich aus ärztlicher Sicht keine Hoffnung auf Heilung machen können und das auch so gesagt bekommen, alles Mögliche versuchen und dafür auch Geld ausgeben.

Und gehen Sie, Herr Wilms und Herr Schierstedt, auch zu Ärzten?

Wilms: Ich seit vielen Jahren nie. Und ich würde das auch nur im Notfall tun.

Schierstedt: Ich schon, zum jährlichen Check, zum EKG zum Beispiel.



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