So., 01.10.2017

Abschlussdebatte der Skulptur-Projekte: Wenig Provokation, viele Besucher „Es guckt keiner mehr so richtig hin“

Abschlussrunde im Foyer des Landesmuseums: Publikumsträchtig, aber wenig kontrovers waren die Skulptur-Projekte 2017. Das kam noch einmal deutlich zur Sprache.

Abschlussrunde im Foyer des Landesmuseums: Publikumsträchtig, aber wenig kontrovers waren die Skulptur-Projekte 2017. Das kam noch einmal deutlich zur Sprache. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

„Woran liegt es, dass man kaum öffentliche Auseinandersetzung mit den Kunstwerken mitbekommen hat?”, fragte der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Matthias Löb, zur Begrüßung beim öffentlichen Abschluss der diesjährigen, 116 Tage währenden Skulptur-Projekte, der zahlreiche Kunstinteressierte ins Foyer des Landesmuseums zog. Zu wenig Skandal und Reibung, lautet der Vorwurf an die sonst sehr erfolgreiche Ausstellung, die der Stadt mehr als 600 000 internationale Gäste bescherte und erstmals auch ein Projekt außerhalb Münsters, in Marl, einschloss.

Von Isabell Steinböckund Johannes Loy

Auch wenn Provokation kein Selbstzweck sein sollte, Kunst will aufrütteln, bewegen, mitunter auch verstören. In einer sich anschließenden Diskussion „Wem gehören die Skulptur-Projekte?“, die Prof. Johan Hartle (Karlsruhe) kurz mit „Niemandem – also allen“ beantwortete, äußerte der künstlerische Leiter, Prof. Kasper König, sein Unbehagen der Stadt gegenüber, indem er Münster als „wahnsinnig selbstgefällig, mit dem Charme eines gewissen Disneylands“ beschrieb. Ob die Stadt auch weiterhin als Ausstellungsort zu den Skulptur-Projekten passe, sei unsicher, denn: „Kunst ist so populär geworden, dass wir uns fragen: Was haben wir falsch gemacht?“

Kuratorin Britta Peters hinterfragte die Kritik eines Mangels an politischem Diskurs, indem sie exemplarisch auf Mika Rottenbergs „Cosmic Generator“ im ehemaligen Asia-Laden der Gartenstraße verwies. Hier gehe es durchaus um globale Konflikte und Spuren der Vergangenheit. „Aber es guckt keiner mehr richtig hin.“ Hätte man solche Themen auf dem Domplatz inszeniert, wäre die Resonanz vielleicht eine andere gewesen. „Man sucht mediale Aufregung. Die hätten wir bieten können. Aber ist es das, was wir brauchen?“

Künstler Andreas Siekmann fragte sich, wie ein Kunstwerk Widerstand gegen die „possessive Vereinnahmung“ leisten kann, und lieferte die Antwort gleich mit: durch „Konterkarierung des Ortsspezifischen“. Gedanklich schlug er einen weiten Bogen bis hin zu den „EU-Außengrenzen“ und verwies in diesem Zusammenhang auf den Ausgang der Bundestagswahl. Man müsse die Form des „inhalierten Antifaschismus“ ausnutzen. Oberbürgermeister Markus Lewe deutete besorgt auf die Zerstörung von Nicole Eisenmans „Sketch for a Fountain“ und betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Kunst als „hervorragende Möglichkeit, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen“. Anders als die mitunter verkopft anmutenden Kunstexperten betrachtete er die Ausstellung intuitiv: „Wir müssen nicht immer jammern. Wenn es schön ist, ist es halt schön.“

Kasper König bringt sein Anliegen als Kurator am Ende noch einmal auf den Punkt: „Wir wollen nicht populistisch sein, nicht langweilen, sondern eine sub­stanzielle Tiefenbohrung machen.“ Ob dies gelingt, wird man vielleicht in zehn Jahren sehen. Dann wird Kasper König allerdings, wie er selber gegenüber unserer Zeitung betonte, sicher nicht mehr aktiv dabei sein.

Für die Provokation sorgte bei Einbruch der Dunkelheit an diesem Abend immerhin noch einmal der Galerist Thomas Goeken. Er nahm Anleihen bei der amerikanischen Projektionskünstlerin Jenny Holzer und warf den Schriftzug „Ich bin ein Logo und will hier raus!“ an die Wand neben dem LWL-Logo. Protestler verteilten Postkarten und trugen ein LED-Licht auf der Brust mit der Forderung „Freiheit für Pienes Frequenz“.



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