So., 01.10.2017

Uraufführung von Stefan Hertmans „Antigone in Molenbeek“ Völlig verhärtete Fronten

Carolin M. Wirth und Carsten Bender haben Hertmans „Antigone in Molenbeek“  als szenische Lesung eingerichtet.

Carolin M. Wirth und Carsten Bender haben Hertmans „Antigone in Molenbeek“  als szenische Lesung eingerichtet. Foto: Jasny

Münster - 

Das Drama beginnt auf dem Polizeirevier von Molenbeek, jenem Brüsseler Stadtteil, der in den letzten Jahren als Hochburg des Islamismus in die Schlagzeilen geriet. Nuria will ihren toten Bruder begraben. Aber der Polizist gibt die Leiche nicht heraus, denn der Bruder war ein Terrorist. Also macht sie sich selbst auf die Suche und verstößt damit gegen das Gesetz. Am Ende ist sie die Angeklagte.

Von Helmut Jasny

Der belgische Autor Stefan Hertmans greift in „Antigone in Molenbeek“ einen Konflikt auf, den der griechische Dichter Sophokles vor mehr als zweitausend Jahren in seiner „Antigone“ formuliert hatte. Hier die Schwester, deren moralisches Gesetz ihr vorschreibt, den Bruder würdig zu begraben. Dort der Staat, dessen Gesetz ihr genau das verbietet. Wer hat nun recht? Beide, hatte Hegel einst geurteilt. Und genau das sei die Tragödie.

Carolin M. Wirth und Carsten Bender haben Hertmans „Antigone in Molenbeek“ als szenische Lesung eingerichtet und am Samstag im Hörsaal der Chirurgischen Klinik zur deutschen Erstaufführung gebracht. Ihre Inszenierung lässt die gegensätzlichen Rechtsauffassungen auch darstellerisch aufeinanderprallen. Während Bender in der Rolle des Polizisten oder des Richters betont ruhig und zurückgenommen agiert, setzt Wirth als Nuria/Antigone auf eine zunehmend emotionale Umsetzung. Auf diese Weise entsteht eine dramatische Intensität, die einer richtigen Aufführung in nichts nachsteht.

Das gilt insbesondere für den zweiten Teil, in dem sich Nuria nachts im Leichenschauhaus einschließen lässt, um die Überreste ihres Bruders zu suchen. Sie steigert sich dabei so sehr hinein, dass sie sich selbst zu fragen beginnt, ob ihr Handeln noch gerechtfertigt ist oder schon eine Art Besessenheit darstellt – genau das, was ihr der Richter später vorwerfen wird. Aber da sind die Fronten schon so verhärtet, dass keine Annäherung mehr möglich ist.

Über die momentane Situation in Molenbeek sagte Stefan Hertmans im anschließenden Gespräch mit Hermann Wallmann, dass sich inzwischen manches verbessert habe. „Man hat keine andere Wahl, als optimistisch zu sein“, meint er. Zwar gebe es nach wie vor Konflikte, aber auch erkennbare Fortschritte. Nicht zuletzt, weil mittlerweile eine neue, intellektuelle Generation den Brüsseler Stadtteil präge.



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