Mo., 02.10.2017

Skulptur-Projekte 2017 endete am Sonntag Kultur auf den letzten Drücker

Bei strahlendem Sonnenschein zog es die Massen natürlich wieder zum Hafen (großes Bild). Aber auch andere Kunstwerke in der Stadt erlebten noch einmal einen großen Andrang.

Bei strahlendem Sonnenschein zog es die Massen natürlich wieder zum Hafen (großes Bild). Aber auch andere Kunstwerke in der Stadt erlebten noch einmal einen großen Andrang. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Die 116 Tage sind vorbei, die Skulptur-Projekte 2017 jetzt Geschichte. Aber bevor es so weit war, strömten noch mal die Massen.

Von Klaus Baumeister

Jiří Svestka ist auf dem Weg zu einer Ausstellung in London. Doch zuvor möchte der Galerist aus Prag noch schnell einen Abstecher nach Münster machen und sich das Kunstwerk von Pierre Huyghe in der Eissporthalle ansehen – am letzten der 116 Skulptur-Projekte-Tage. „Ich wollte schon zur Eröffnung kommen, aber es hat nicht geklappt.“

Lange Wartezeiten

Die Hoffnung auf einen schnellen Kunstgenuss hat sich erledigt, als sich Svestka in die Schlange einreiht, die bis zum Johann-Krane-Weg reicht. Ein Helfer, den der Galerist herbeiruft, taxiert die Wartezeit auf 70 Minuten. Rund 150 Besucher sind vor ihm dran. Der Gast aus Prag nimmt es gelassen. „Ich mag Pierre Huyghe. Das hier will ich mir ungedingt ansehen.“

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WN-Special

Jiří Svestka teilt an diesem letzten Tag der Skulptur-Projekte das Schicksal der Warterei mit Karin Iturralde aus Ecuador. Die junge Frau studiert Kunst in Amsterdam und ist mit Kommilitonen für einen Tag nach Münster gekommen. Da sie in der Stadt zu Fuß unterwegs ist, konzentriert sie sich auf die Objekte in der Innenstadt. Michael Dean steht noch auf ihrer Liste. Jetzt aber wartet sie an der Pferdegasse darauf, Einlass zu bekommen in die „Wohnung“ von Gregor Schneider.

Aktion gegen Logo

Dass der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sein Logo mitten auf das Fassaden-Kunstwerk von Otto Piene am Landesmuseum gepappt hat, erhitzt weiter die Gemüter. Pünktlich zum Ende der Skulptur-Projekte sorgte der Galerist Thomas Goeken für eine abendliche Installation an der Außenfassade des LWL-Museums in Höhe des Aegidiimarktes. Neben das beleuchtete Kunstwerk wurde der Satz projiziert: „Ich bin ein Logo und will hier raus.“ Zur Eröffnungsfeier der Skulptur-Projekte wurde das Logo verhüllt.

Skulptur-Projekte sind bekannt

Noch etwa ein bis zwei Stunden soll es dauern. Karin Iturralde überbrückt die Wartezeit mit Gesprächen mit den Nachbarn in der Schlange. Ob sie schon mal was von Münster gehört hat? Nein, die Stadt sei ihr kein Begriff – aber die Skulptur-Projekte. „Da musst du hin“, hätten die Freunde gesagt. Jetzt ist sie da.

Voting und Video-Umfrage

Die Kunst nimmt Abschied: Welche Skulpturen sollen bleiben?

Ganz viele Kulturfreunde tauchen kurz vor Toresschluss noch bei den Skulptur-Projekten auf. Besonders am Hafen drubbelt es sich heftig. Und mittendrin Tim Herlth aus Solingen: Für den Rettungsschwimmer ist der 19. Einsatztag am Steg von Ayşe Erkmen zugleich der letzte. Herlth ist es, der am Abend um 20 Uhr das Gitter absperren soll – und damit dem Massenansturm auf dem Wasser ein Ende setzt.

Fotostrecke: Der Vorhang fällt - der letzte Tag der Skulptur Projekte 2017

„Ja, natürlich ist das ein komisches Gefühl“, gesteht der junge Mann, der im Dienst der privaten Sicherheitsfirma Falck steht und in Münster – als Teil eines 25-köpfigen Teams – den Steg betreut. Auch in den vergangenen Wochen habe es beim Schließen am Abend immer wieder Diskussionen gegeben, wenn „Besucher aus Hamburg oder Berlin angereist waren und nicht mehr aufs Wasser durften“.

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Ja, natürlich ist das ein komisches Gefühl.

Tim Herlth

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Die Skulptur-Projekte haben dem Rettungsschwimmer nicht nur eine abwechslungsreiche Arbeit beschert, sondern auch sehr emotionale Momente. Einmal habe er mit seinen Kollegen Gehbehinderte samt Rollstühle auf den Steg getragen, damit sie das Kunstwerk hautnah erleben konnten.

Emotionale Momente

Zumindest in einem Punkt ist Tim Herlth froh, dass die Skulptur-Projekte ein Ende finden: „Die langen Anfahrten von Solingen nach Münster fallen weg.“

Kommentar: Gelungener Schlussspurt

Ganz offenbar war es den Münsteranern und den Münster-Besuchern ein Bedürfnis, die Skulptur-Projekte 2017 nicht einfach auslaufen zu lassen, sondern mit einem furiosen Finale zu verabschieden. Auf jeden Fall war der Besucherandrang am letzten Tag noch einmal riesengroß. Die zeitliche Begrenzung der Ausstellung sowie die lange Wartezeit bis zu den nächsten Skulptur-Projekten machen einen wesentlichen Teil der Konzeption aus. Der Schlussspurt des Publikums steht nicht im Widerspruch dazu, sondern dokumentiert eher die Wertschätzung. Man möchte noch einmal die Kunst erleben, bevor man auf sie verzichten muss. Von den Ausstellungsmachern gab es in den letzten Tagen Kritik am Publikum, weil es zu „brav“ gewesen sei, zu wenig kritische Fragen gestellt habe. Natürlich kann man so reden. Aber in Zeiten regelmäßiger Fußballkrawalle kann man auch dankbar sein, wenn 600.000 Menschen friedlich eine Ausstellung besuchen – und kein Polizist eingreifen muss.

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