Mo., 30.10.2017

Als Münster auf das Gottesgericht wartete Täuferherrschaft, Terror und Tod

Fragmente einer Figur und des zerstörten Taufbrunnens aus der Überwasserkirche in Münster erinnern im Landesmuseum an den Bildersturm der Täufer. Im Hintergrund die Konterfeis der Täufer Jan van Leiden (l.) und Bernd Knipperdolling.

Fragmente einer Figur und des zerstörten Taufbrunnens aus der Überwasserkirche in Münster erinnern im Landesmuseum an den Bildersturm der Täufer. Im Hintergrund die Konterfeis der Täufer Jan van Leiden (l.) und Bernd Knipperdolling. Foto: Jürgen Christ

Münster - 

Der Weg zurück zu den Zeiten der Reformation ist nicht weit. Im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster benötigt der Besucher nur ein paar Treppenstufen und trifft im Raum 1.14 auf Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora.

Von Johannes Loy

Die beiden Porträts aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren entstanden 1526/30. „Da hatte Martin Luther das Thema Zölibat schon abgehakt“, bemerkt Kurator Dr. Gerd Dethlefs. Der Historiker deutet auf Glasvitrinen mit gedruckten Zeugnissen aus der Reformationszeit, so ein Gebetbuch Luthers und eine Bibel.

Reformation in Münster verspätet

Die Reformation kam, wie Gerd Dethlefs erläutert, „in Münster verspätet an“. 1525 wurde zwar schon hier und da reformatorisch gepredigt, doch erst mit dem Mauritzer Kaplan Bernhard Rothmann nimmt das Geschehen um 1530, also 13 Jahre nach der Thesenveröffentlichung Luthers, Fahrt auf. Rothmann greift nicht nur Luthers Thesen auf und predigt die Rückbesinnung auf die Schrift, sondern wird zunehmend kirchenkritisch. Die Kommunion teilt er mit Weißbrot aus, von dem er Stücke abreißt. Man nennt ihn daher „Stutenbernd“. Von der kirchlichen Obrigkeit verfolgt, findet er Unterschlupf bei den Bürgern Münsters.

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Franz von Waldeck, ab 1532 Bischof von Münster, steht „der Reformation durchaus offen gegenüber“, sagt Gerd Deth­lefs. Allerdings muss er sich dem Domkapitel gegenüber verpflichten, die neue Lehre zu unterdrücken. So belegt er im Sommer 1532 die Stadt mit wirtschaftlichen Sanktionen, nachdem der Rat der Stadt der Forderung der Bürgerschaft nachgegeben hat, Prediger für die Lehre der Reformation in allen Pfarrkirchen bereitzustellen und somit zum lutherischen Bekenntnis übergegangen ist. Am 14. Februar 1533 gewährt der Bischof der Stadt im „Dülmener Vertrag“ immerhin die Glaubensfreiheit.

Dramatische Episode der Täuferherrschaft

Doch Rothmann entfernt sich von der Lehre Luthers, verwirft die Kindertaufe und wendet sich der Theologie Melchior Hofmanns zu, der als einer der Führer der Täuferbewegung gilt. 1534 beginnt die dramatische Episode der Täuferherrschaft, in deren Verlauf Jan van Leiden als König eines endzeitlichen Reiches in Münster die Herrschaft übernimmt. Münzen und Schriften berichten im Landesmuseum davon. Die Stadt fällt 1535 nach Belagerung durch Franz von Waldeck. Die Täufer werden 1536 zu Tode gefoltert und in den Käfigen zur Abschreckung ausgestellt.

Luthers 95 thesen veränderten die Welt

Martin Luthers 95 Thesen veränderten die Welt und wiesen den Weg in die Moderne. Mit ihnen zog der Wittenberger Theologie-Professor (1483-1546) unter anderem gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche zu Felde. Denn aus Angst vor dem Fegefeuer kauften die Menschen damals Ablassbriefe, um sich von ihren Sünden zu befreien – für den Papst eine sehr gute Einnahmequelle. Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche wird am 31. Oktober daran erinnert, dass Luther auf den Tag genau vor 500 Jahren die Thesen an die Tür des Gotteshauses geschlagen hat.

Neben der Französischen Revolution und der Renaissance gehört die Reformation (zu deutsch: Umgestaltung) zu den wichtigsten politischen und geistesgeschichtlichen Bewegungen Europas. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts beendete sie die Vorherrschaft des Papstes und markierte den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. (dpa)

„Es kam damals vieles zusammen“, erläutert Gerd Deth­lefs. „Die Menschen empfanden die Zeit als Krisenzeit, Kirche und Welt waren in Unordnung, Seuchen grassierten. Es war für die Menschen plausibel, die Krise mit dem nahenden Gottesgericht zu erklären.“

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Es kam damals vieles zusammen.

Gerd Deth­lefs

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Die zertrümmerten Taufsteine der Überwasserkirche geben Zeugnis von der Ablehnung der Kindstaufe durch die Täufer. Dahinter erblickt der Besucher die Aldegrever-Porträts der Täufer Jan van Leiden und seines „Schwertträgers“ Bernd Knipperdolling. Ein Stich zeigt die Belagerung der Stadt.

Trauma der Täuferherrschaft

Das Trauma der Täuferherrschaft hängt Münster lange nach, so in einem Gemälde über das Jüngste Gericht von Hermann tom Ring 1555. Man meint, die Täufer als Verdammte am unteren Bildrand zu erkennen. Trienter Konzil, Gegenreformation und die Zuwanderung von Jesuiten nach Münster sollen die Bevölkerung in den folgenden Jahrzehnten wieder auf den katholischen Weg zurückführen. Vier Reliefs aus der alten Petrikirche um 1600 zeigen wieder die Kirchenväter, von denen sich die Reformatoren abgewendet hatten. Dennoch: „Die reformatorischen Gedanken blieben in der Bevölkerung lebendig“, sagt Gerd Dethlefs.

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Glaubenskrieg in Münster

Seltsam: Lief die Reformation im benachbarten Osnabrück weitgehend friedlich ab – 1543 führte der Rat die Reformation nach lutherischem Bekenntnis ein –, tobte in Münster ein Glaubenskrieg. Dethlefs: „Rothmann vertrat mit dem Angriff auf die Kindertaufe Lehren, die der Stadtrat nicht akzeptieren konnte – und so endete alles in der täuferischen Theokratie.“ Von diesem historischen Sonderweg Münsters zehren Geschichtsforscher bis heute – und nicht zuletzt die Stadtführer, wenn sie den Blick der Touristen mit kalkuliertem Gruseln auf die Käfige am Lambertiturm richten.



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