Di., 31.10.2017

„Kaufmann von Venedig“ hat am Samstag Premiere im Theater Münster Mehr als immer nur Shylock

Unter dem aufgebahrten Jesus spielen sich die Szenen im Großen Haus ab, wenn Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ am Samstag über die Bühne. geht.

Unter dem aufgebahrten Jesus spielen sich die Szenen im Großen Haus ab, wenn Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ am Samstag über die Bühne. geht. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Da zuckt der Deutsche innerlich zusammen: „Der Kaufmann von Venedig“. Scheinbar bedient dieses berüchtigte Stück sämtliche Vorurteile gegenüber Juden: Ein Jude borgt einem Christen Geld und will als Schuld „ein Pfund Fleisch“. So simpel war Shakespeare nie. Der Menschenkenner hat in seinen Komödien stets Grundsätzliches auf die Bühne gestellt. Das sieht auch Stefan Otteni so.

Von Gerhard Heinrich Kock

Der Regisseur („La Révolution“) will im Großen Haus Shake­speares politischste und geheimnisvollste „Komödie“ als ein Stück Leben inszenieren „mit all seinen Brüchen“. Auf Komödie folgt Tragödie, auf Idylle der Horror, unterschwellige Diskriminierungen, lieblose Gier. Otteni: „Das Stück ist ein großes Sammelsurium an Themen und Temperaturen. Das versuchen wir zu betonen.“ Ein Thema wird das Verhältnis einer scheinbaren Mehrheitsgesellschaft zu ihren Minderheiten sein. Otteni hat dabei nicht allein den Juden Shylock im Blick. So lässt sich fragen, ob Antonios Fable für Bassanio mehr ist als eine Kumpelei. Der Prinz von Marokko wird wegen seiner Sprache gedisst.

Ein anderes Thema ist das Geld. Bei den drei Kästchen soll sich erweisen, wer die Schöne (und Reiche) bekommt. Je nachdem, welches Kästchen (Gold, Silber, Blei) der Bewerber wählt, er „wird gewinnen, was viele begehren“, „wird so viel bekommen, wie er verdient“ oder „muss alles geben und wagen, was er hat“. Es werde nur übers Geld geredet, so Otteni: „Die kommen aus ihrem Finanzkapital-Denken nicht heraus“, es schleiche sich wie Gift in die Beziehungen.

Die Bühne versucht mit drei Installation drei Welten zu zeigen: Venedig mit seinem christlichen Werte-System, eine poppige Kinderzimmerwelt, in der Shylock sitzt und verzweifelt, sowie eine Art Muschel-Lounge-Sofa, wo es sich die Akteure dieser Businesswelt gut gehen lassen. Entsprechend sind die Kostüme, wobei es viele Verkleidungen von Männern und Frauen gibt.

Eingefügt in den „Kaufmann“ wird eine 2016 sensationell aufgetauchte literarische Handschrift Shakespeares, ein Stück über Thomas Morus: „Die Fremden“. Darin hält der Humanist dem fremdenfeindlich aufgebrachten Volk eine Rede, um Gewalt gegen Fremde und Flüchtlinge zu verhindern und die Menschen zur Vernunft zu bringen. Am Theater Münster wird diese Szene Shakespeares erstmals in eine Inszenierung eingebettet.

Ottenis gut zweieinhalbstündige Inszenierung endet nicht in Wohlgefallen und Harmonie, sondern mit einem zerstörten Shylock.

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Die Premiere ist am Samstag (4. November) um 19.30 Uhr im Theater, Neubrückenstraße 63. Karten: ' 5 90 91 00.



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