Mo., 30.10.2017

Begeisterte Ratlosigkeit für „Issmich“ im Bühnenboden Riesen-Kinder am Tor

Duo mit Gast (v.l.): Maryna Backsmann, Christoph Sahnemann und Thomas Mrosek

Duo mit Gast (v.l.): Maryna Backsmann, Christoph Sahnemann und Thomas Mrosek Foto: Günter Moseler

Münster - 

Ein Konzert wie ein schwarzer Wald: Instrumente schimmerten wie Silbertannen, manche fast unsichtbar im Unterholz von Kabeln, Schnüren und Drähten. Das münsterische Duo „Issmich“ startete sein „Surreleasekonzert“ in tiefster „Hänsel-und-Gretel“-Finsternis.

Von Günter Moseler

Ein Konzert wie ein schwarzer Wald: Instrumente schimmerten wie Silbertannen, manche fast unsichtbar im Unterholz von Kabeln, Schnüren und Drähten. Das münsterische Duo „Issmich“ startete sein „Surreleasekonzert“ in tiefster „Hänsel-und-Gretel“-Finsternis. Hatten langhalsige Mi­krofone konzertante Routine suggeriert, wurde im Kammertheater „Der kleine Bühnenboden“ bereits mit den ersten Takten ein radikaler Kurswechsel vollzogen. Auf der Leinwand flimmerte ein kurzer Vorspann: „Kammann und Soddeman“, eine Geschichte von Christoph Sahnemann (Vibrafon, Melodica, Percussion), der mit Maryna Backsmann (Cello) und Gast-Saxofonist Thomas Mrosek die Vertonung seines Opus’ präsentierte.

Es ist die groteske Geschichte zweier Brüder, die an den Toren einer Kleinstadt als „Willkommens-Winker“ angestellt werden und dort ein undurchsichtiges Dasein fristen. Der Autor rezitierte seinen Text auf der Leinwand, scheinbar von einer unscheinbaren Dachkammer aus. Dafür kippte die Erzählung ins Bizarre, dort zerbricht die Fassade biederer Bürgerlichkeit, eskaliert eine Trinkorgie in Vergewaltigung und Doppelmord. Die beiden Kinder wachsen zu vier Meter großen Riesen, von einer ominösen Frau Brinkmann versorgt. Zum Freak-Kabinett gehören „Hülsbusch und Hüsemann“, die Holunder- schnaps verticken. In einer archaischen Showdown-Metzelei werden die degenerierten Riesen-Kinder gemeuchelt – Abgesang fürs Publikum: „Seht die Riesen / sie winken und preisen die Stadt / jeder, der sie uns streitig macht / wird von uns umgebracht“.

Diese „Von-der -Wiege-bis-zur-Bahre“-Gruselmischung unterlegten die drei Instrumentalisten mit einer Live-Musik, die ihren irrealen Sound (neben ausgiebigster „Ostinato“-Technik) maßgeblich von den gläsern-halligen Klängen des Vibrafons bezog. Vom Saxofon mit komischen Ernst sekundiert, schluchzte das Cello melancholische Kantilenen. Videoprojektionen entwarfen ein Genre-Puzzle aus Horror-, Experimental-, Landschafts- und Tierfilmen, in denen bandagierte Mumien mit ihrem Spiegelbild haderten, steinerne Skulpturen wie aufgeschreckt in die Kamera starrten, friedliche Pferde Heu fraßen und ein blasser Mond durch Gewitterhimmel ein Warnsignal sandte. Ein Absurdistan-Abend aus dem Dada-Gaga-Land. Begeisterte Ratlosigkeit.



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