Di., 31.10.2017

30 überlebensgroße Luther-Statuen begleiteten das Reformationsjahr im Kirchenkreis Jubiläum macht gute Figur

Da war er noch schneeweiß: Vor einem Jahr wurde Martin Luther als überlebensgroße Figur auf dem Prinzipalmarkt präsentiert – in 30-facher Ausfertigung. Die Skulpturen haben an verschiedenen Orten des Münsterlandes das Reformationsjubiläum repräsentiert.

Da war er noch schneeweiß: Vor einem Jahr wurde Martin Luther als überlebensgroße Figur auf dem Prinzipalmarkt präsentiert – in 30-facher Ausfertigung. Die Skulpturen haben an verschiedenen Orten des Münsterlandes das Reformationsjubiläum repräsentiert. Foto: Klaus Meyer

Münster - 

Die Luther-Figur vor der Apostelkirche hätte einiges zu erzählen. Sie wurde gestohlen und in einem münsterischen Vorgarten ausgesetzt. Sie wurde beschriftet, bemalt, beklebt und bekleidet. Sie musste als Hintergrund für unzählige Selfies herhalten, die besonders bei ostasiatischen Skulptur-Projekte-Gästen im Schwange waren. Und noch vor wenigen Tagen wurde sie einfach umgestoßen – mitsamt ihrer stabilen Betonverankerung.

Von Lukas Speckmann

Das ist überhaupt kein Beinbruch, findet Pfarrer Dr. Jens Dechow. Der Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises Münster ist der Initiator des spektakulären Luther-Figuren-Projekts, das vor einem Jahr mit 30 schneeweißen Kunststoff-Reformatoren auf dem Prinzipalmarkt begann und am heutigen Reformationstag seinen offiziellen Abschluss feiert. Es ging um „Freiheit und Vertrauen“ als zentrale Anliegen der Reformation: Liebe Öffentlichkeit, du hast die Freiheit, aus diesen Luther-Figuren zu machen, was du willst – wir haben Vertrauen in deine guten Ideen . . .

"Akt der Befreiung"

Zugegeben, das mit dem Umstoßen war vielleicht nicht besonders konstruktiv; der bunt bemalte Kunststoff-Luther wurde deshalb in aller Stille wieder aufgerichtet. Aber selbst der Luther-Sturz ließe sich nach Einschätzung von Pfarrer Dechow als ein „Akt der Befreiung“ verstehen. Die Reformation ging schließlich auch ohne ihren geistigen Übervater weiter.

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Die Figuren – von denen vier in Münster blieben, die übrigen 26 wurden im ganzen Münsterland verteilt –, hätten in jedem Fall ihren Zweck erfüllt: das Bewusstsein für „500 Jahre Reformation“ wachgehalten und die Menschen ins Gespräch über Gott und die Welt gebracht. Das Jubiläum, das mit dem heutigen Reformationsfeiertag zu Ende geht, sei schon deshalb ein großer Erfolg gewesen, weil es gelungen sei, große Teile der Gesellschaft zu erreichen, die der Kirche eben nicht nahestehen.

Anliegen des evangelischen Glaubens vermitteln

Über die Fokussierung auf Martin Luther sei von der Steuerungsgruppe auch im Vorfeld kritisch diskutiert worden, berichtet Pfarrerin Kathrin Neuhaus-Dechow, die Sprecherin des Kirchenkreises. Dennoch: „Luther hat die größten Chancen, erkannt zu werden.“ Es sei eben nicht darum gegangen, der historischen Figur gerecht zu werden, sondern die Anliegen des evangelischen Glaubens zu vermitteln. Besonders Kinder und Jugendliche hätten sich mit den Figuren unbefangen und konstruktiv auseinandergesetzt. „Gottes Liebe kann man nicht kaufen“ – diesen Spruch eines Grundschulkindes hätte ein Pfarrer auf der Kanzel nicht schöner sagen können. Doch auch Luthers dunkle Seiten, sein Antisemitismus und seine Autoritätsgläubigkeit, seien zur Sprache gebracht und teilweise sehr kritisch hinterfragt worden.

"Einfach frei"

Das Reformationsjubiläum hat in Münster Spuren hinterlassen: Es gab zahl­reiche, auch ökumenische Gottesdienste, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und viele Gesprächsrunden. Und zum Abschluss den großen Empfang des Kirchenkreises im Rathausfestsaal unter dem Motto „Einfach frei“. Dass Weihbischof Dr. Stefan Zekorn bei dieser Gelegenheit mit Luth­erzitaten über die Grundlagen christlicher Freiheit sprach, hat den Vertretern des Kirchenkreises nachhaltig imponiert.

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Überhaupt: die Ökumene. Luther und die Reformation waren in diesem Jahr auch in vielen katholischen Gemeinden in Münster ein Thema. Christen beider Konfessionen hätten das Jubiläum zum Anlass genommen, über das wechselseitige Verhältnis nach 500 Jahren der Trennung nachzudenken. „Das hat uns gutgetan“, ist Jens Dechow überzeugt.

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Was wird nun aus den Luther-Figuren? Bis zum Jahresende sollen sie abgebaut werden. Eingestampft werden sie mit Sicherheit nicht. Schon viele Gemeinden und Privatleute hätten Interesse an einem Kunststoff-Luther angemeldet. Falls sie nicht auf Granit beißen – von mehreren Standorten habe man schon gehört: „Unseren Martin geben wir nicht wieder her!“

Kommentar: Gemeinsamkeit überwiegt

Münsters Protestanten feiern die Reformation und Münsters Katholiken feiern mit – das wäre noch vor einigen Jahren schwierig, vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar gewesen. Auch 500 Jahre nach dem Thesenanschlag ist die Spaltung der Kirche nicht überwunden. Doch die Trennlinie verläuft heute nicht mehr zwischen den Gläubigen zweier Konfessionen, sondern zwischen aktiven Christen und Glaubensfernen. Münsters Stadtgesellschaft jedoch ist nach wie vor christlich, das hat die lebhafte konfessionsübergreifende Reaktion auf das Reformationsjubiläum gezeigt. An der Art, wie die imposante, aber durchaus ambivalente Person Martin Luthers dabei in den Mittelpunkt gestellt wurde, mögen sich die Geister scheiden. Der selbstbewusste Umgang mit den Luther-Figuren in Münster zeigt, dass von einem Heroen-Kult im Grunde nicht die Rede sein kann.

 Lukas Speckmann



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