Mo., 30.10.2017

„Ein direkter Zusammenhang lässt sich kaum herstellen“ Prof. Matthias Pohlig vom Exzellencluster „Religion und Politik“ warnt vor einer Vereinnahmung der Reformation

Matthias Pohlig 

Matthias Pohlig  Foto: WWU

Münster - 

Die gerade im Jubiläumsjahr 2017 gängige Verknüpfung der Reformation mit guten wie schlechten Phänomenen der Moderne erweist sich bei näherem Hinsehen als hochgradig problematisch – meint der Historiker Prof. Matthias Pohlig im Interview.

Im Jubiläumsjahr wurde die Reformation oft als Teil der europäischen Freiheitsgeschichte und Urheberin vieler moderner Errungenschaften beschrieben. Prof. Dr. Matthias ­Pohlig warnt vor solchen Schlussfolgerungen: Spätere Errungenschaften ließen sich nicht als direkte Effekte der Reformation nachweisen, schreibt der Historiker vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster in seinem Aufsatz „Eine Neuzeit ohne Reformation?“. Unser Redaktionsmitglied Lukas Speckmann sprach mit ihm.

Vor drei Jahren schon warnten Sie mit Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum vor einer „Eventisierung“ von Geschichte. Haben sich Ihre Befürchtungen bestätigt?

Pohlig: Wenn man es „Befürchtungen“ nennen will: Ja, ich denke schon. Es geht heute stark um Gegenwartsinteressen, die mit der Reformation wenig zu tun haben. Das muss nicht zwangsläufig ein Problem sein – aber auch wenn man das Reformationsjubiläum mit anderen Jubiläen vergleicht, ist die Ferne der Öffentlichkeit zur Geschichtswissenschaft schon sehr groß.

Woran machen Sie das fest?

Pohlig: An der Personalisierung: Luther steht stark im Mittelpunkt. Er ist natürlich sehr wichtig für die Reformation. Aber auch andere haben seine Botschaft weiterentwickelt. Eine Figur aus dem 16. Jahrhundert so positiv für heute zu besetzen, halte ich für pro­blematisch.

Worin besteht das Pro­blem?

Pohlig: Beim Jubiläum geht es um Ökumene und Pluralismus. Luther habe die Gewissensfreiheit erfunden, heißt es, und damit letztlich uns moderne Menschen, den modernen Staat, die Religionsfreiheit, den Kapitalismus, die Säkularisierung: Das will man gerne bestätigt sehen. Die Forschung sieht das nicht so, aber an einer differenzierten Meinung scheint mir die Öffentlichkeit nicht unbedingt interessiert.

Wie sehen Sie denn Luther?

Pohlig: Luther ist interessant, weil er fremd ist. Wie er sich auf sein Gewissen beruft, Autoritäten infrage stellt und das alles durchdenkt, das ist beeindruckend. Aber das macht ihn noch nicht modern: Er war davon überzeugt, dass die Welt bald untergeht. Luther stellte viele Dinge infrage, ersetzte sie aber durch ein strenges Glaubenssystem auf der Grundlage einer sich selbst erklärenden Bibel. Die Welt als ein von Gott geordneter Kosmos, über den die Obrigkeit wacht – damit kann man ihn nicht gut in die westliche Moderne ziehen.

Aber er predigte doch von der Freiheit eines Christenmenschen . . .

Pohlig: Nur wie er sie verstand. Es ging ihm nicht um freie Religionsausübung, auch sozialpolitisch war er extrem konservativ. Mit dem Protestantismus wird heute eine im Vergleich zur katholischen Kirche liberalere Haltung zur Liturgie, zur Gleichberechtigung, zur Sexualethik, zu Politik und Gesellschaft assoziiert – aber das widerspricht ziemlich deutlich dem, wofür die Reformation historisch steht. Natürlich war Luther auch nicht der große Unmoderne, er hat Dinge angestoßen, die sich dann über Jahrhunderte auf verschlungenen Pfaden weiterentwickelten. Doch je weiter Ereignisse und Phänomene von der Reformation entfernt sind, umso weniger lässt sich wissenschaftlich ein direkter Zusammenhang herstellen.

Was bleibt von Luther?

Pohlig: Die Sprache. Ohne die Lutherbibel wäre die Sprach- und Literaturgeschichte vermutlich anders verlaufen. Zudem wäre der Buchdruck ohne Reformation nicht so schnell zum Massenmedium geworden.

Wie hätte sich die Geschichte ohne Reformation entwickelt?

Pohlig: Das ist nicht seriös zu beantworten. Ich meine, selbst der 30-jährige Krieg, der oft als Folge der konfessionellen Spaltung gesehen wird, wäre ohne Reformation denkbar gewesen, da gab es genug machtpolitische Interessen. Und die Aufklärung wurde in Deutschland zwar durch konfessionelle Vielfalt begünstigt – aber in Frankreich, ohne diese Vielfalt, fand sie ja auch statt.

Und was wäre ohne Reformation tatsächlich undenkbar gewesen?

Pohlig: Die Kirchenspaltung, der Bauernkrieg. Und nicht zuletzt die Anfänge der Trennung von Politik und Religion: Der Augsburger und der Westfälische Frieden haben den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten damit gelöst, religiöse Wahrheitsansprüche politisch auszuklammern und den Untertanen minimale Glaubensrechte einzuräumen. Ob dies Deutschland auf den Weg zu Toleranz, Säkularisierung und modernem Verfassungsstaat brachte, darf man aber kritisch diskutieren. Linear war dieser Weg sicher nicht.

Das Reformationsjubiläum offenbart also das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und deren öffentlicher Vermittlung . . .

Pohlig: Zumal es um religiöse Identifikationsstiftung geht. Natürlich ist es legitim, wenn die Kirche alltagspraktisch und identifikatorisch denkt. Ich freue mich auch, wenn das Jubiläum etwa die Ökumene voranbringt; es ist ja keine akademische Vorlesung. Aber als Historiker spüre ich doch ein gewisses Unbehagen, wenn Geschichte ins­trumentalisiert wird.

Sie sind Frühneuzeithistoriker. Das Reformationsjubiläum hat Sie zum gefragten Ansprechpartner werden lassen . . .

Pohlig: Das passiert einem Historiker selten, wenn er sich nicht gerade auf die NS-Geschichte spezialisiert. Ob die Steigerung des öffentlichen Interesses der Forschung zugutegekommen ist, wird man sehen. Aber Jubiläen sind schnell beendet. Es wird in einer Woche vorbei sein. . .



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