Do., 02.11.2017

Choreographien von „Bodytalk“ und „Aura“ im Pumpenhaus Umarmen lassen auf Russisch

Bodytalk zeigte rasante Bilder vom „Glück“, die wenig mit Ruhe und Harmonie zu tun hatten.

Bodytalk zeigte rasante Bilder vom „Glück“, die wenig mit Ruhe und Harmonie zu tun hatten. Foto: Svetlana Batura

Münster - 

„Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“, beginnt ein altes Volkslied. Hier ist es gleich eine Meute von Tänzerinnen und Tänzern, die über die Bühne saust und die Sensen schwingt. Niedergemäht werden Kinder.

Von Helmut Jasny

„Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“, beginnt ein altes Volkslied. Hier ist es gleich eine Meute von Tänzerinnen und Tänzern, die über die Bühne saust und die Sensen schwingt. Niedergemäht werden Kinder. Aus strategischen Gründen gewissermaßen, damit sie nicht feindlichen Mächten in die Hände fallen und dort als Soldaten gegen das eigene Volk missbraucht werden, wie später ein Bänkelsänger erklärt.

„Glück“ nennt die Compagnie Bodytalk aus Münster ihr Tanztheater, das in Zusammenarbeit mit dem Aura Dance Theatre aus Litauen entstanden ist und am Mittwochabend im Pumpenhaus zu sehen war. Es ist eine hochtourig, zuweilen übertourig gefahrene Inszenierung, die das Publikum ein knappe Stunde lang mit starken Bildern, treibenden Sounds und dynamischen Tanzszenen in Atem hält.

Es gibt ABC-Übungen mit Teigfladen als Gasmaske und einen Pas de deux mit einem toten Fisch. In Babykleidung gehüllte Brote werden verspeist, und am Ende fordert eine Tänzerin die Zuschauer auf, auf die Bühne zu kommen und sich eine glücklich machende Umarmung abzuholen – auf Russisch und in der Uniform eines Generals, denn das Ganze spielt in Litauen, dessen Geschichte mit Russland eng verwoben ist. Enger manchmal, als dem Land lieb sein konnte.

Den zweiten Teil des Abends gestaltete das Aura Dance Theatre allein. In „Godos“ besinnt sich Choreograph Birutė Letukaitė auf ein altes Wort, das ein Gefühl von Sehnsucht, Nostalgie und unerfüllte Wünsche bezeichnet. Lebendig wird es durch fünf hell und eine dunkel gekleidete Tänzerin, die – mit Goethe gesprochen – „am sausenden Webstuhl der Zeit“ wirken. Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit verbinden sich zu einem 30-minütigen Tanzstück, das künstlerisch auf hohem Niveau siedelt und stilistisch eine beachtliche Bandbreite abdeckt.

Harmonisch fließende Bewegungen wechseln mit abgehackten, wie von außen bestimmten Abläufen. Mutwillige Sommervögel flattern in Disco-Rhythmus über die Bühne und werden von barbusigen Werwölfinnen erschreckt. Es ist ein beständiger Wechsel zwischen Tradition und Moderne, der hier zelebriert und tänzerisch zur Synthese gebracht wird. Alles fließt, bis am Ende ein Schrei das Ensemble kollektiv zu Boden gehen lässt. Eine überzeugende Arbeit, die trotz heterogener ästhetischer Ansätze wie aus einem Guss wirkt.



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