Sa., 04.11.2017

Rock'n'Rollies Beim Tanzen wird der Rollstuhl zur Nebensache

Stil und Eleganz: Sabine Löffler und Viktor Kortmann genießen auch das Training.

Stil und Eleganz:Sabine Löffler und Viktor Kortmann genießen auch das Training. Gunnar A. Pier Foto: Gunnar A. Pier

Münster - 

Die Musik setzt ein. Der getragene Rhythmus breitet sich aus. Augenkontakt. Der Tänzer rollt los. Beim Tanzen wird der Rollstuhl zur Nebensache - das beweisen die Mitglieder der Rock'n'Rollies. Sie sind eine integrative Tanzgruppe - und an diesem Wochenende Gastgeber eines internationales Turniers.

Von Michaela Töns

Viktor Kortmanns Blick verrät alles: Dieser Rollstuhl macht ihn nicht glücklich. „Der dreht sich sehr lahm“, sagt er nach einer Runde Discofox. Dass sein eigenes Modell aber auch kurz vor dem Turnier mit einer Acht im Rad schlapp machen muss! Immerhin: Der Ersatz lässt sich für diese Trainingseinheit mit einem Kissen einigermaßen anpassen. Und beim langsamen Walzer mit seinen langen Bahnen über das Parkett ist er ja vielleicht sogar ein kleiner Vorteil.

Fotostrecke: Rollstuhltanz-Gruppe Rock'n'Rollis des Vereins Die Residenz

Die Musik setzt ein

Viktor Kortmann folgt seiner Partnerin Sabine Löffler, die bereits in einer Ecke des Saals Aufstellung genommen hat. Die Musik setzt ein. Der getragene Rhythmus breitet sich aus. Augenkontakt. Und los. Elegant schreitet die 57-Jährige leicht versetzt gegen die Rollstuhl-Räder die lange Gerade entlang und zieht ihren Mann an den Händen. Der Tanzrollstuhl nimmt an Fahrt auf und lässt ihre Bewegungen an Fluss aufnehmen. Eine Drehung, ein Winkel, das Nebeneinander von Brems- und Schub-Bewegungen – das Paar präsentiert eine elegante Choreografie.

"Wir wollen auch tanzen"

Wenn sie sich vor einigen Jahren schon so hätten sehen können: Da guckten die beiden bei einer Hochzeit, bei der viel getanzt wurde, zu. Und in ihnen reifte ein Plan: Wir wollen auch tanzen. In Münster bei Trainerin Juliane Pladek-Stille wurden sie fündig. Die erfolgreiche Turniertänzerin und Tanzlehrerin hatte bereits zu Beginn der 2000er Jahre über ihr Engagement als Jurorin den Rollstuhltanz in den Niederlanden entdeckt. Auf eine Spezialausbildung folgte die Initiative unter dem Dach der „Residenz“: Ein Tanzangebot für Paare, bestehend aus Behinderten und Nicht-Behinderten.

Mittwochs ist Training

15 Jahre später treffen sich mehrere Paare jeden Mittwoch, um sich – ganz schlicht – zur Musik stilvoll zu bewegen. Für Paz Rieth und ihren Mann Reinhard bedeutet das, dass sich der Tachostand ihres Autos einmal pro Woche um ganze 100 Kilometer erhöht. Sie reisen aus der Nähe von Versmold an. 100 Kilometer, die sie ihrem gemeinsamen Hobby näher bringen – und genau das war die Motivation, als sie vor mehr als einem Jahrzehnt mit dem Tanzen anfingen. Bis dahin hatte Reinhard Rieth Rollstuhl-Basketball gespielt. Nichts für seine Frau. Das Tanzen dagegen schon.

Cha-Cha-Cha

Beim Turnier am Wochenende treten sie mit einem Cha-Cha-Cha an. „Damit man weiß, wo man steht“, erklärt Rieth, warum ihn der Wettkampf bei all dem Training motiviert. Für ein gutes Ergebnis lässt er sich daher auch von Juliane Pladek-Stille kritisieren: den Oberkörper aufrecht, das Lächeln aufsetzen – ihre Hinweise sind freundlich, aber bestimmt. Auch Paz Rieth bekommt Feedback: Den Kopf soll sie aufrechter halten. Es ist die Gleichberechtigung zwischen behinderten und nicht behinderten Tanzpartnern, die Juliane Pladek-Stille mit ihrer Aufmerksamkeit und Erfahrung herstellt. Dafür lieben sie die Paare. Sie setzt sich auch schon einmal in den Rollstuhl, um Bewegungsabläufe nachzuspüren und zu demonstrieren. Denn das Gefährt schafft Distanz und Stolperfallen, die erst gute Koordination und Harmonie ausbalancieren.

„Dabei wollte ich meine Frau hier eigentlich nur abgeben“

So haben sie und die Gruppe auch Ulrike und Eckhart Linka zu sich geholt. „Dabei wollte ich meine Frau hier eigentlich nur abgeben“, schmunzelt der 72-Jährige – und seine Frau lächelt verschmitzt. Vor acht Jahren hatte sie einen Schlaganfall. Er pflegte und begleitete seine Frau, aber nach vier Jahren stellte sich bei ihm eine Depression ein. Eine harte Zeit. In Selbsthilfegruppen fanden sie keine Hilfe. Therapien bestimmten den Alltag. Bis Ulrike Linka in einer der Behandlungen von der Möglichkeit hörte, im Rollstuhl zu tanzen. Der Gedanke an Walzer und Samba beflügelte auch ihren Mann, der sie eigentlich nur zum Schnuppertraining bringen wollte.

„Fernsehsessel auf Rollen“

Zu Ulrike Linkas Alltagsrollstuhl – die Gruppe erinnert sich noch gern an den „Fernsehsessel auf Rollen“ – kam ein angepasster Aktivrollstuhl mit niedrigerer Rückenlehne und wendigen Rädern. In das Leben des Paares kam wieder eine Perspektive, die sie herausforderte, ablenkte und nach vorn blicken ließ. Ulrike Linka: „Für uns ist das Tanzen Sport, aber auch Therapie.“ Auch beim Training sind Krankheiten und Einschränkungen immer wieder ein Thema. „Aber hier stehen sie nicht im Vordergrund“, betont ihr Mann. „Hier geht es um Spaß an der Musik, um Bewegung und Lebensfreude.“

Turnier am Wochenende

Zum dritten Mal richtet der Tanzsport-Club „Die Residenz“ in Münster-Hiltrup am Sonntag (5. November 2017) das Turnier „Euregio tanzt inklusiv“ aus: Ab 10 Uhr messen sich Tanzpaare mit und ohne Behinderungen im Tanzsportzentrum an der Hansestraße. In mehreren Einzelwettbewerben und einem finalen Team-Match präsentieren sich Paare mit mentalen und körperlichen Handicaps, aber auch nicht behinderte Breitensportpaare. Die Starter kommen aus ganz Deutschland, aber auch aus den Niederlanden, denn „Die Residenz“ kooperiert bei der Veranstaltung mit dem dortigen Rollstuhl-Tanzsportverband. Im Nachbarland ist diese Ausprägung des Tanzes weitaus etablierter. www.die-residenz-muenster.de

Rollstuhl-Tänzern wird Platz auf der Tanzfläche gemacht

All das haben auch Viktor Kortmann (60), bei dem vor 42 Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, und Sabine Löffler auf dem Parkett gefunden. Auch, wenn es dank der Acht im Rad gerade nicht rund läuft. Und vor ihrem geistigen Auge und im Kalender erscheint demnächst auch wieder eine Hochzeit. Die ihrer Nichte. Dann werden die beiden tanzen. Und wahrscheinlich richtet sich dann auch das Rampenlicht auf sie. Denn das Paar kennt die Reaktion der Fußgänger-Tänzer: Rollstuhl-Tänzern wird Platz auf der Tanzfläche gemacht. Nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch aus Bewunderung für die Ästhetik der Bewegungen. Viktor Kortmann: „Dann sieht man die Behinderung gar nicht mehr.“



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