Fr., 03.11.2017

Wechsel im Integrationsamt Ein langer Atem ist wichtig

Ulrich Adlhoch (65) geht als Chef des Integrationsamtes beim LWL im November in den Ruhestand

Ulrich Adlhoch (65) geht als Chef des Integrationsamtes beim LWL im November in den Ruhestand Foto: hpe

Münster - 

Der langjährige Leiter des Integrationsamtes beim Landschaftsverband, Ulrich Adlhoch, geht in den Ruhestand. Die berufliche Eingliederung behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt ist seine Hauptaufgabe gewesen.

Von Helmut P. Etzkorn

Längst nicht mehr sind Fürsorge und beschützte Betreuung in Werkstätten Leitlinien des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL), wenn es um die berufliche Eingliederung behinderter Menschen in den lokalen Arbeitsmarkt geht. Das Integrationsamt beim LWL versucht, den Anspruch behinderter Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben in die Praxis umzusetzen. Das bedeutet auch, manchmal dicke Bretter zu bohren und einen langen Atem zu haben. Firmen müssen Berührungsängste genommen werden, damit das Recht auf Arbeit keine leere Worthülse bleibt. Unser Redakteur Helmut P. Etzkorn sprach mit Ulrich Adlhoch (65), der seit über zwei Jahrzehnten an der Spitze des Integrationsamtes steht und nun in den Ruhestand geht.

Welche Schwerpunkte hat das Integrationsamt?

Adlhoch: Kernaufgabe des Integrationsamtes ist die Sicherung bestehender Arbeitsverhältnisse. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und dem lokalen Jobcenter wollen wir aber auch neue Plätze schaffen. Arbeitsplätze müssen barrierefrei erreichbar sein und auf die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen zugeschnitten werden. Dafür gibt es Fördermittel, die den Arbeitgeber finanziell entlasten. Begleitende Hilfen und persönliche Assistenz sorgen dafür, dass behinderte Menschen optimal eingesetzt werden können. Besonders junge Menschen mit Handicap sollten direkt nach der Schule eine Ausbildungschance bekommen. Arbeit zu haben, bedeutet auch mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und Betriebe werden oft belohnt, denn gerade schwerbehinderte Mitarbeiter sind vielfach besonders motiviert, zuverlässig, betriebstreu und können ein langfristiger Gewinn für die Firma sein.

Aber nicht alle Firmen wollen überhaupt Mitarbeiter einstellen, die eine Behinderung haben. Warum nicht?

Adlhoch: In aller Regel ist es die Unsicherheit, nicht zu wissen, was auf den Betrieb zukommt. Wir stellen Inklusionsbegleiter, die langfristig dem behinderten Menschen im Job zur Seite stehen. Die Betreuung endet nicht mit der Vermittlung des Arbeitsplatzes. Und der Betrieb bindet sich ja nicht auf Lebenszeit. Auch behinderte Menschen sind kündbar. Wir versuchen zunächst zwar, einen anderen Arbeitsplatz zu finden oder die Betroffenen weiterzuqualifizieren. Dann aber wird abgewogen, ob Fehlzeiten hinnehmbar sind oder es für beide Seiten besser ist, sich zu trennen. Aber wichtiger sind uns doch die positiven Aspekte. Beispielsweise im IT-Bereich sind Rollstuhlfahrer genauso fit, wie jeder andere Beschäftigte. Wir schauen da immer genau hin, es muss für beide Seiten passen.

Wie unterstützen Sie denn Firmen, die willig sind?

Adlhoch: Unsere Ingenieure beispielsweise helfen bei der behinderungsgerechten Gestaltung des Arbeitsplatzes. Es gibt Zuschüsse dazu beispielsweise für die Kosten der beruflichen Qualifizierung.

Was bedeutet Arbeit für behinderte Menschen?

Adlhoch: Ein Gewinn an Kompetenz, ein höheres Maß an Unabhängigkeit, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und nicht zu letzt wie bei jedem anderen Menschen auch das Gefühl, gebraucht zu werden.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es?

Adlhoch: Die so genannten einfachen Jobs sind selten geworden. Es gibt kaum noch Hilfstätigkeiten im Lager oder Pförtnerstellen. Aber auch die digitale Welt bietet Chancen, neue Berufsfelder tun sich auf, Tele-Heimarbeitsplätze sind möglich. Viele Firmen entlasten ihre teuren Fachkräfte von einfachen Arbeiten. Materialzuführung, Maschinenreinigung, Logistik. Alles Berufe, wo Menschen eine Chance haben, die nicht so hoch qualifiziert sind.

Trotzdem kaufen sich Firmen frei und zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, als behinderte Menschen einzustellen.

Adlhoch: Stimmt leider gelegentlich. Aber es werden weniger. Lag die Beschäftigungsquote schwer behinderter Menschen vor Jahren noch bei 4,3 Prozent, sind jetzt fast die gesetzlich erwünschten fünf Prozent geschafft. In Zeiten, wo Arbeitsplätze zum Beispiel im mittelständischen Handwerk schwer zu besetzen sind, steigen für alle Arbeitssuchenden die Chancen.

Was können Sie für Menschen tun, die aufgrund von Leistungseinschränkungen ihren Arbeitsplatz in Gefahr sehen?

Adlhoch: Beim betrieblichen Eingliederungsmanagement, das inzwischen auch in kleineren Unternehmen üblich ist, versuchen wir mit dem schwerbehinderten Beschäftigten, seinem Arbeitgeber und der Schwerbehindertenvertretung arbeitsbedingte, individuelle Belastungen früh zu erkennen. Wenn die Ursachen gefunden sind, gibt es fast immer Möglichkeiten, dem Betroffenen zu helfen und das Arbeitsverhältnis zu erhalten.

Wie kann Inklusion in den Arbeitsmarkt funktionieren?

Adlhoch: Indem Arbeitgeber nicht fragen, was der behinderte Mensch nicht kann, sondern was er kann. Wir machen Seminare für Arbeitgeber, präsentieren uns auf Messen und verweisen auf die Erfolge von Integrationsfirmen. Sie beschäftigen zwischen 25 und 50 Prozent schwerbehinderte Menschen, sind aber dennoch - oder vielleicht sogar deshalb - im Wettbewerb am markt erfolgreich. In Münster beispielsweise die Waschküche und das Hotel der Alexianer. Oder auch Rümpelfix. Es klappt, wenn der Wille da ist.

Die größten Erfolge?

Adlhoch: Wir schaffen es inzwischen, pro Jahr rund 100 Menschen aus der Werkstatt heraus in den freien Arbeitsmarkt zu holen. Da liegt Westfalen-Lippe bundesweit vorn. Unser Beratungsnetz wird immer engmaschiger. Firmen erkennen mehr und mehr, dass behinderte Mitarbeiter mehr Chance als Risiko für ein Unternehmen sind. Das alles funktioniert nur, weil wir im LWL-Integrationsamt gut 120 engagierte und kompetente Mitarbeiter haben, die genau hinschauen und im Betrieb unterstützen.

Was macht der Ruheständler Adlhoch?

Adlhoch: Ich engagiere mich noch in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Inklusionsfirmen und möchte mein Engagement im Förderverein des Zoos ausbauen.



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