Do., 09.11.2017

Erinnerung an Pogromnacht Gedenken in der Synagoge: „Nie mehr wegschauen“

Am Ende der Feierstunde wurden Lichter angezündet – von (v.r.) Alfred Buß (Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen i.R.), Sharon Fehr (Gemeindevorsteher), Oberbürgermeister Markus Lewe, Ruth Frankenthal und Pfarrer Jürgen Hülsmann (beide Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit) und Kantor Yotam Zarafi.

Am Ende der Feierstunde wurden Lichter angezündet – von (v.r.) Alfred Buß (Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen i.R.), Sharon Fehr (Gemeindevorsteher), Oberbürgermeister Markus Lewe, Ruth Frankenthal und Pfarrer Jürgen Hülsmann (beide Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit) und Kantor Yotam Zarafi. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland Tausende jüdische Geschäfte und Synagogen. In einer Gedenkstunde am Donnerstag forderte der jüdische Gemeindevorsteher Sharon Fehr, „nie mehr wegzusehen“.

Von Martin Kalitschke

Vor ein paar Jahren traf Alfred Buß, ehemaliger Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, auf einen Religionslehrer, der als Vierjähriger Augenzeuge der Ereignisse vom 9. November 1938 war. Im ostfriesischen Leer sah er, wie die Synagoge niedergebrannt wurde, hörte die Angstschreie der aus dem Schlaf gerissenen Menschen, die geschlagen, getreten und weggeschleift wurden. „Das Johlen, Klatschen und höhnische Lachen der Gaffer blieb ihm für immer in den Ohren“, so Buß am Donnerstag in der Gedenkstunde anlässlich der Pogromnacht vom 9. November 1938. „Wurzeln der Entmenschlichung“ lautete der Titel seiner Ansprache in der bis auf den letzten Platz gefüllten Synagoge.

Doch die Ereignisse von einst hallen nicht mehr bei jedem nach, im Gegenteil. „Dämliche Bewältigungspolitik“, tönte Anfang des Jahres AfD-Rechtsaußen Björn Höcke. Seiner Partei schadete das nicht, im Gegenteil: „Jetzt sitzen diese Leute im Bundestag“, so Gemeindevorsteher Sharon Fehr zu Beginn der Gedenkstunde. „Und das bereitet nicht nur der jüdischen Gemeinde Bauchschmerzen, sondern jedem Demokraten.“ Nie mehr schweigen, nie mehr wegschauen: Nur so könne verhindert werden, dass solche Kräfte immer mehr Zulauf finden, so Fehr.

Ähnlich die Einschätzung von Pfarrer Jürgen Hülsmann, evangelischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die die Gedenkstunde seit nunmehr 60 Jahren ausrichtet. „Ehrliches Erinnern befördert den aufrechten Gang“, sagte er.

7000 Synagogen und Geschäfte wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Deutschland in Brand gesteckt, Tausende Juden aus den Wohnungen getrieben, Hunderte ermordet. Auch in Münster brannte die Synagoge. „Es waren Mitbürger, denen all dies widerfuhr“, so Oberbürgermeister Markus Lewe. Der Pogromnacht folgte der Holocaust, zurück blieb Leere, betonte Lewe. Dass es in Münster heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde gibt, bezeichnete er als „großes Glück“ und „Geschenk für die Stadtgesellschaft“.

Der ehemalige Präses Buß betonte in seiner Ansprache, dass die deutsche Bevölkerung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – hinnahm, was den Juden im Dritten Reich angetan wurde. „Eine aktive Parteinahme hat es nicht gegeben, auch nicht von den christlichen Kirchen“, so Buß, dessen Ausführungen bis in die Zeit der Reformation und zu Martin Luther zurückreichten. Dessen Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ lese sich wie eine Anleitung für die Pogromnacht, sagte Buß. Gleichwohl sei Luther kein Antisemit gewesen, jedoch Antijudaist – „und der Antijudaismus hatte verheerende Folgen“.



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