Do., 09.11.2017

Oxford-Professor stellt Buch vor Im Würgegriff der Gewalt

Drei Jahrzehnte lang bestimmte Gewalt den Alltag in weiten Teilen Europas. „Der Galgenbaum“ heißt diese zeitgenössische Darstellung, auf dem der französische Künstler 1632 Kriegsgräuel festhielt.

Drei Jahrzehnte lang bestimmte Gewalt den Alltag in weiten Teilen Europas. „Der Galgenbaum“ heißt diese zeitgenössische Darstellung, auf dem der französische Künstler 1632 Kriegsgräuel festhielt. Foto: Jacques Callot

Münster - 

Der Oxford-Professor Peter Wilson hat ein Monumentalwerk über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben. In England wurde es als Geschichtsbuch des Jahres ausgezeichnet. Am Freitag stellt er den Band im Landesmuseum vor.

Von Martin Kalitschke

Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) forderte acht Millionen Tote. Als er – nach dem Westfälischen Friedensschluss – zu Ende war, waren weite Teile des Kontinents verwüstet. Für Peter H. Wilson war dieser Krieg „eine europäische Tragödie“. Ein halbes Jahrzehnt hat der Historiker, der an der Universität Oxford lehrt, an einem Buch über diese Tragödie gearbeitet. Die englische Originalausgabe wurde auf der Insel zum „Geschichtsbuch des Jahres“ gekürt. Am Freitag (10. November) stellt Wilson sein hochgelobtes Werk „Der Dreißigjährige Krieg“ (Theiss Verlag) im Gespräch mit der münsterischen Geschichtsprofessorin Barbara Stollberg-Rillinger im Landesmuseum am Domplatz vor (Beginn: 20 Uhr). Der Eintritt ist frei.

Für Wilson ist das nicht der erste Besuch in der Stadt des Westfälischen Friedensschlusses. 2012 hielt er sich hier mehrere Wochen auf Einladung der Universität auf, hielt Vorträge, forschte im Landesarchiv. Natürlich besuchte er damals auch den Friedenssaal. „Vor allem die Bildergalerie hat mich beeindruckt“, sagt Wilson. „Die Menschen haben damals offenbar gespürt, dass Geschichte gemacht wurde.“

Fünf Jahre hat er für sein Buch recherchiert. Nur einen kleinen Teil der Zeit verbrachte er in Archiven – „es hätte sonst mehrere Lebenszeiten gedauert, das Buch zu veröffentlichen“. Dankbar griff er daher auf Dokumentensammlungen zurück, die „fleißige Historiker“, wie er sagt, im 19. Jahrhundert zusammengestellt hatten.

Rund 4000 Abhandlungen sind bis heute über den Dreißigjährigen Krieg erschienen, schätzten Historiker vor ein paar Jahren. Bis heute heiß diskutiert wird die Frage, ob es sich damals um einen Religionskrieg handelte. „Eigentlich nicht“, meint Peter Wilson – „schließlich gab es damals überhaupt keine scharfe Trennung zwischen Politik und Religion.“ Natürlich habe es Akteure gegeben, die sich als von Gott Gesandte fühlten – „doch das war eine Minderheit“, sagt Wilson. Auf der anderen Seite habe es Personen gegeben, die religiöse Ziele verfolgten – „doch die handelten eher pragmatisch“. So oder so, der Begriff Religionskrieg, wie er heute oft gebraucht wird, lasse sich schlicht und einfach nicht auf das 17. Jahrhundert übertragen, betont der Historiker.

30 Jahre wurde damals in Europa gekämpft – doch der Kontinent stand in diesem Zeitraum nicht permanent komplett in Flammen. „Anfangs liefen verschiedene Kriege gleichzeitig ab“, sagt Wilson, „das war nicht von Anfang an ein allgemeiner Krieg.“ Das habe sich erst 1631 geändert, von da an sei praktisch jede Region in Kampfhandlungen verwickelt gewesen. „Das schlimmste Jahrzehnt waren schließlich die 1640er Jahre“, sagt Wilson. Da eskalierte der Krieg immer mehr, auch in Westfalen – jedoch nicht in Münster, das wie Osnabrück anlässlich der laufenden Friedensverhandlungen zur neutralen Stadt erklärt wurde.

1648 wurden die Friedensverträge unterzeichnet – keine Selbstverständlichkeit, betont Wilson. „Es waren noch 180 000 Soldaten unterwegs, der Krieg hätte Jahre weitergehen können.“ In weiten Teilen Europas war er nun zu Ende – jedoch nicht überall: Frankreich und Spanien setzten ihre Kampfhandlungen noch elf Jahre lang fort.



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