Do., 15.02.2018

Uraufführung im U2: „Der Reichsbürger“ Ludwig zahlt kein Bußgeld

Ludwig (Wilhelm Schlotterer) sitzt in seinem altdeutsch eingerichteten Wohnzimmer und redet auf das Publikum ein. Am Ende wird der Reichsbürger mit einer Pistole hinausstürmen, um seinen „Freistaat Ludwigshorst“ zu verteidigen.

Ludwig (Wilhelm Schlotterer) sitzt in seinem altdeutsch eingerichteten Wohnzimmer und redet auf das Publikum ein. Am Ende wird der Reichsbürger mit einer Pistole hinausstürmen, um seinen „Freistaat Ludwigshorst“ zu verteidigen. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Ludwig heißt er, gelernter Elektriker, zweimal verheiratet, keine Kinder, dafür einen Hund. Ludwig ist Reichsbürger. Und als solcher entwickelt er seine Theorie. Die beginnt damit, dass es die Bundesrepublik gar nicht gibt. Deutschland sei nach der Kapitulation der Wehrmacht 1945 in einen Besatzungszustand übergegangen, der noch immer andauere. Folglich sei er dem heutigen Staat in keiner Weise verpflichtet und deshalb auch nicht bereit, Bußgeld zu bezahlen, wenn sein Hund auf den Gehweg kackt. Ein Spinner? Ja, aber ein bewaffneter Spinner.

Von Helmut Jasny

Wilhelm Schlotterer spielt den „Reichsbürger“ in Annalena und Konstantin Küsperts gleichnamigem Ein-Personen-Stück, das am Mittwoch im U2 des Theaters Münster uraufgeführt wurde. In Sakko und Jeans sitzt er in seinem altdeutsch eingerichteten Wohnzimmer (Bühne: Sophia Debus) und redet auf das Publikum ein. Es ist eine Melange aus Fremdenfeindlichkeit, Selbstbestimmung, Antikapitalismus, Verschwörungstheorien und Paranoia, die er zu einem Argumentationsstrang verknüpft, der am Ende darauf hinausläuft, dass er mit der Pistole in der Hand dasteht und meint, sein Fantasiegebilde, den „Freistaat Ludwigshorst“, verteidigen zu müssen.

Das Stück ist gut recherchiert. Es zeigt einen Menschen, der sich in einem Supermarkt aus rechten und linken Ideen bedient, um seine krude Weltsicht zu untermauern. Auch sein persönliches Schicksal wird thematisiert: arbeitslos und verschuldet durch die Arztrechnungen für seine kranke, jetzt tote Frau. Auf der anderen Seite prominente Steuerkünstler und Investmentbanker, die die Zukunft verzocken. Der Weg zum Wutbürger ist da nicht weit. Und mit Flüchtlingen und Zuwanderern bietet sich ein wohlfeiles Feindbild.

Julia Prechsl arbeitet in ihrer Inszenierung mit gegensätzlichen Stimmungen und zeigt den Wutbürger mal als netten Menschen von nebenan, dann wieder als den gefährlichen Verrückten, der er ist. In den entsprechenden Szenen lässt Schlotterer den Motor mächtig aufheulen. Gerade hat er dem Publikum noch Plätzchen angeboten, schon springt er aufs Sofa und brüllt in die Menge. Das ist deutlich. Mitunter mehr deutlich als subtil. Aber es erfüllt den Zweck, Einblick in die Gedankenwelt eines Reichsbürgers zu geben, von denen es mittlerweile geschätzt mehr als 16 000 in Deutschland gibt.

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Nächste Termine: 16.2., 2. und 14.3., jeweils 19.30 Uhr im U2



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