So., 15.04.2018

Kinderpsychologe Prof. Georg Romer im Interview Psychische Verarbeitung der Amokfahrt: Kindern Sicherheit und Normalität bieten

Prof. Georg Romer

Prof. Georg Romer Foto: UKM

Münster - 

Die engagierten Bürger Münsters helfen bei der psychischen Verarbeitung der Amokfahrt, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Münster. Welche seelischen Folgen die Tat bei Kindern und Jugendlichen haben kann und wann man von einer Traumatisierung spricht, erläutert Romer im Interview.

Herr Prof. Romer, kann sich – rund eine Woche nach der Amokfahrt – eine Traumatisierung bei Kindern- und Jugendlichen auch jetzt noch offenbaren?

Prof. Georg Romer: Bei unmittelbar Betroffenen: ja! Das Typische für eine Traumatisierung ist, dass sie in den meisten Fällen nicht sofort sichtbar wird. Im Akut-Fall stabilisiert sich der Mensch erst einmal körperlich, das heißt zunächst gilt es, den gesamten durch das Ereignis belasteten Organismus wieder in eine Grundbalance zu bringen, um nicht funktional zusammenzubrechen. Erst wenn das geschafft ist, kann auch die Psyche sich eine gewisse Schwäche erlauben. Die Hilferufe der Seele können also lange im Nachhinein noch kommen. Bei akuter Lebensbedrohung sogar Jahre später, das erleben wir beispielsweise auch bei jugendlichen Flüchtlingen, die zunächst ihr Leben in Sicherheit bringen mussten und die erst viel später seelisch dekompensieren.

Trägt die seelischen Folgen nur, wer die Tat miterlebt hat oder können besonders sensible Kinder auch durch Medienberichterstattung oder vom „Hörensagen“ traumatisiert werden?

Prof. Romer: Nein. Ein seelisches Trauma kann bei Kindern und Jugendlichen nur dann entstehen, wenn sie entweder selbst Augenzeuge der Tat geworden sind oder auch, wenn eine ihnen nahestehende Person unmittelbar betroffen war. Ein Trauma geschieht nach einer konkreten extrem belastenden Erfahrung, der ich selbst oder meine Liebsten unerwartet ausgesetzt waren und die mein Selbst- und Weltverständnis nachhaltig erschüttert. Wenn sich bei einem Kind, das nur indirekt von der Tat gehört hat, trotzdem Schlafstörungen und Angstzustände einstellen, dann müsste man davon ausgehen, dass da schon vorher eine seelische Verwundung in diesem Bereich bestand, die sich in dieser Ängstlichkeit in Bezug auf die Tat erneut manifestiert. Das ist dann aber kein Trauma sondern eine andere Grunderkrankung. Man sollte den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden.

Fotostrecke: Chronologie der Amokfahrt in Bildern

Wenn Eltern eine Traumatisierung ihres Kindes befürchten, woran können sie das erkennen?

Prof. Romer: Wer jetzt bei seinem Kind noch Albträume, Schlaflosigkeit oder Angstzustände beobachtet, der sollte das gut im Blick behalten. Es kann zur Sicherheit gebenden Beruhigung ausreichen, ein Kind – egal wie alt es ist – nach einer solchen Erfahrung einige Nächte mit im Bett der Eltern schlafen zu lassen. Wenn die Zustände jedoch andauern, sollten Eltern fachliche Hilfe suchen und beispielsweise eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche aufsuchen, wie sie hier beispielsweise an der Kinderklinik des UKM angeboten wird. Wir haben gemeinsam mit der Kinderklinik schon am Tag nach der Tat für Betroffene kurzfristige Termine zur Verarbeitungshilfe bereitgestellt, damit eine posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst entsteht.

Haben sich viele Patienten bei Ihnen vorgestellt?

Prof. Romer: Wir sind froh, dass es bisher nicht so ist. Bisher haben sich mehr Erwachsene und auch Ersthelfer bei den Kollegen in der Trauma-Ambulanz des UKM vorgestellt.

Gibt es Tipps, wie Eltern ihrem Nachwuchs so eine schreckliche Tat überhaupt erklären können?

Prof. Romer: Bei jüngeren Kindern sollte man diese von der Information tatsächlich abschirmen. Aber spätestens ab dem Schulalter funktioniert das nicht mehr. Es gilt also, dem Kind die Ereignisse wahrheitsgemäß einordnen zu helfen. Eltern sollten dabei dem Kind möglichst konkret vor Augen führen, dass sie sich sicher fühlen und keine Angst haben, beispielsweise jetzt wieder in die Innenstadt zu gehen.

Zum Thema

Für Kinder und Jugendliche, die unmittelbare Zeugen der Amokfahrt geworden sind oder bei denen nahestehende Menschen betroffen waren, bietet die Traumaambulanz der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des UKM eine Sprechstunde zur psychotherapeutischen Verarbeitungshilfe an Anmeldungen werden unter 0251 83-56440 entgegengenommen. Für betroffene Erwachsene ist die Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM unter 0251-83 52 905 für kurzfristige Terminvereinbarungen erreichbar.



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5663071?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F