Mo., 25.01.2016

Deutsch-Tunesierin Samia Agrébi findet trotz höchster Qualifikation keinen angemessenen Job Lehrerin muss Däumchen drehen

Erklären in mehreren Sprachen:  Samia Agrébi, hier mit den Flüchtlingen Hassan und Mammadou, arbeitet ehrenamtlich in der Deutsch-Aufbauschule im Bürgerhaus und bringt dort ihre arabischen und französischen Sprachkenntnisse ein.

Erklären in mehreren Sprachen:  Samia Agrébi, hier mit den Flüchtlingen Hassan und Mammadou, arbeitet ehrenamtlich in der Deutsch-Aufbauschule im Bürgerhaus und bringt dort ihre arabischen und französischen Sprachkenntnisse ein. Foto: Alfred Riese

Saerbeck - 

Wer dieses Land, das liberalste in Nordafrika, verlässt, um sein Glück in Saerbeck zu suchen, der muss gute Gründe haben. Samia Agrébi hat davon gleich zwei: den Ehemann und die Liebe zu ihrem Beruf. „Die aber, leider“, sagt sie, „bisher nicht erwidert wird.“ Verwunderlich, denn mit ihrer Ausbildung müsste sie doch leicht etwas finden. Was sie aber fand, war eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur in Emsdetten, die sie wieder nach Hause schickte mit dem Ratschlag, sie solle sich mal lieber selbst was suchen.

Von Hans Lüttmann

Sommer, Sonne, Strand und Mandelbäume, Kaftans und Olivenhaine, unwirklich schöne Märchenwelten: Tunesien, Traumland zwischen Himmel und Wüste. Wer dieses Land, das liberalste in Nordafrika, verlässt, um sein Glück in Saerbeck zu suchen, der muss gute Gründe haben. Samia Agrébi hat davon gleich zwei: den Ehemann und die Liebe zu ihrem Beruf. „Die aber, leider“, sagt sie, „bisher nicht erwidert wird.“ Verwunderlich, denn mit ihrer Ausbildung müsste sie doch leicht etwas finden. Was sie aber fand, war eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur in Emsdetten, die sie wieder nach Hause schickte mit dem Ratschlag, sie solle sich mal lieber selbst was suchen.

Die 40-jährige Samia Agrébi, die seit nun schon fünf Jahren in Saerbeck wohnt, hat eine belgische Mutter und einen tunesischen Vater. Geboren wurde sie in Sfax, einer 950 000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer, wo sie auch zur Schule ging und das Abitur machte. Anschließend studierte sie dort und auch in Frankreich moderne französische Literatur. (Von ihrem Lieblingsautor, Philippe Delerm, gibt es auch Bücher auf Deutsch: „Das kleine große Buch der Lebenskunst“ oder „Ein Croissant am Morgen“). Anschließend hat sie in Amiens/Frankreich und der französischen Botschaft in Tunesien Französisch unterrichtet und an der Universität von Sousse gelehrt.

In Saerbeck war Samia Agrébi erst mal Mutter, aber inzwischen geht ihre zweieinhalbjährige Tochter in den Kindergarten. „Aber jetzt möchte ich endlich wieder arbeiten“, sagt sie und fügt schwärmerisch lächeln hinzu: „Ach, ich liebe Kreide!“ Und wenn man sie nach Saerbeck und den Saerbeckern fragt, kriegt man nur Gutes zu hören, selbst das Wetter, sagt sie, sei okay. Was fehlt, ist eine Arbeit, in der sie ihre Sprachbegabung einbringen kann: Ihre Muttersprachen sind Arabisch und Französisch, außerdem hat sie in Deutsch einen B 1-Abschluss, in Englisch einen A 2 und in Italienisch A1. „Bei uns zu Hause wird ja Arabisch, Französisch und Deutsch gesprochen“, sagt sie, „aber meine Heimat ist die französische Sprache.“

Für Guido Paskarbis, Pressesprecher der Arbeitsagentur, ist es absonderlich, dass Samia Agrébi, gerade heute, mit ihren Fähigkeiten keinen adäquatischen Job findet. „Für Menschen mit Arabischkenntnissen“, sagt er, „sind die Aussichten auf eine Beschäftigung zurzeit sehr gut. Vor allem in der Betreuung von Flüchtlingen und der Bearbeitung von Asylanträgen fehlen arabisch-sprachige Mitarbeiter. Konkret sucht zum Beispiel der Kreis Steinfurt Menschen mit diesen Kenntnissen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsagentur geben Ratsuchenden gerne Auskunft zu Fragen rund um Jobsuche und Arbeitsmarkt.“

Die angebliche Abweisung Samia Agrébis in der Emsdettener Arbeitsagentur, mag er indes nicht kommentieren: Die namentlich benannte Mitarbeiterin von damals habe ihren Job gewechselt, und auch schriftliche Notizen über das Gespräch lägen nicht vor.

In der Saerbecker Flüchtlingshilfe hat sie nun einen kleinen ehrenamtlichen Job bekommen und bringt arabisch aufgewachsenen Menschen lateinische Schrift bei. Immerhin, aber immer noch meilenweit unter ihren Fähigkeiten.



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