Sa., 27.02.2016

Abschiebung? Einzelschicksal berührt Abschiebung trotz Integration

Gazmenol Kotrube (2.v.l.) ist beim Unternehmen Concept Gruppe seit Oktober 2015 in der Metallwerkstatt tätig und wird von den Kollegen und der Firmenleitung als Fachmann geschätzt. „Er hat ein Händchen für Metall. Wir würden ihn gerne behalten“, sagt Geschäftsführer Horst Frenking. Doch jetzt droht ihm und seiner Familie die Abschiebung nach Albanien.

Gazmenol Kotrube (2.v.l.) ist beim Unternehmen Concept Gruppe seit Oktober 2015 in der Metallwerkstatt tätig und wird von den Kollegen und der Firmenleitung als Fachmann geschätzt. „Er hat ein Händchen für Metall. Wir würden ihn gerne behalten“, sagt Geschäftsführer Horst Frenking. Doch jetzt droht ihm und seiner Familie die Abschiebung nach Albanien. Foto: Detlef Held

borghorst - 

Die Familie Kotrube aus Albanien ist integriert in Steinfurt, der Vater hat Arbeit. Geschäftsführer Horst Frenking würde ihn gerne behalten. Doch der Asylantrag wurde abgelehnt.

Von Detlef Held

Integration heißt das Zauberwort für Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben wollen. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei das Erlernen der deutschen Sprache und die Aufnahme einer Arbeit, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das alles trifft auf die Familie Kotrube zu, die 2014 aus Albanien floh und nach einem Aufenthalt in der Sammelstelle in Neuss im Juli 2014 nach Steinfurt gekommen ist. Schon in Neuss engagierte sich Marsiola Kotrube (28) im Kindergarten der Aufnahmeeinrichtung als Helferin, Ehemann Gazmenol (31) war derweil als Ein-Euro-Jobber für die Wartung der technischen Geräte eingesetzt. „Nur untätig rumsitzen, das liegt uns nicht“, sagen sie.

In Borghorst wurden die Kotrubes zunächst im alten Feuerwehrgerätehaus untergebracht, wo sie ein Zimmer für sich hatten. Tochter Anja (4) besuchte sehr bald eine Kita, spricht inzwischen nur noch Deutsch – Albanisch kann sie nicht mehr. Sohn Rean kam im Juli des vergangenen Jahres auf die Welt. Die Eltern besuchten von Anfang an Deutschkurse und können sich inzwischen problemlos verständigen, wenn nötig mit Hilfe einer Dolmetscher-App auf dem Handy.

Doch jetzt droht ihnen die Abschiebung, denn ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Nur über den kleinen Rean ist noch nicht entschieden. „Reine Formsache“, befürchten die Kotrubes und sind verzweifelt. „Wir haben doch bis jetzt gezeigt, dass wir uns hier immer besser zurechtfinden“, sagen die Eheleute. „Was müssen wir denn noch tun, um zu zeigen, dass wir so leben wollen, wie alle anderen auch?“

Dass die Kotrubes es mit der Eingliederung ernst meinen, bestätigen auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Sozialbüros „Offenes Ohr“ in Borghorst. Für Klaus Lehmann, einer der ehrenamtlichen Helfer der Einrichtung, ist die Familie ein Musterbeispiel für gelebten Integrationswillen. Das hat er in vielen Gespräche, bei denen Sarah Bode, die mehrere Sprachen spricht und dem „Offenen Ohr“ bei Flüchtlingsfragen als Übersetzerin hilft, erfahren können. „Sie erfüllen alles, was der Gesetzgeber für ein Bleiberecht voraussetzt.“ Lehmann weiter: „Eine Rückkehr nach Tirana wäre für die Familie eine unangemessene Härte. Dort wären sie mittellos. Hinzu kämen Benachteiligungen, weil sie als so genannte Balkan-Ägypter – eine albanisch-sprachige Teilminderheit der südosteuropäischen Roma – von staatlichen Zuwendungen so gut wie ausgeschlossen sind. Lehmann hat inzwischen auch die Bundesbeauftragte für Migration in Berlin um Hilfe gebeten. Eine Antwort steht noch aus.

Dank der Hilfe des Sozialbüros und der Unterstützung des Sozialamtes der Stadt, der Ausländerbehörde des Kreises Steinfurt und der Arbeitsagentur Steinfurt ist Gazmerol seit Oktober 2015 beim Unternehmen „Concept Gruppe“ als Metallarbeiter tätig. Empfohlen hatte ihn Klaus Lehmann, der selbst früher bei Concept angestellt war. Der Vertrag ist bis 21. Juni 2016 befristet. So lange gilt seine „Aufenthaltsgestattung“ , die es ihm überhaupt erlaubt, arbeiten zu dürfen. Er ist im Schichtdienst tätig und eine vollwertige Arbeitskraft, dessen Fertigkeiten von Kollegen und auch Vorgesetzten gelobt werden.

Lob gibt es auch vom Concept-Geschäftsführer Horst Frenking: „Er hat ein Händchen für Metall, das findet man selten, ein Glücksfall für unserer Werkstatt.“ Und so ganz nebenbei verbessert er durch die Arbeit sein deutsches Sprachvermögen.

„Man muss doch bei einem solchen Fall auch Möglichkeiten haben, dieser Familie eine Chance zu geben, hier bleiben zu können, zumal sie dem Staat nicht zu Last fallen. Wenn er bleiben darf, wird sein Arbeitsvertrag auf jeden Fall verlängert“, sagt Horst Frenking.

Mit Hilfe des „Offenen Ohres“ konnte inzwischen eine Wohnung in Borghorst angemietet werden. Möbel und Erstausstattung gab es vom Sozialamt, bei der Miete gibt es ein Zuschuss, die Renovierung haben die Kotrubes in Eigenregie vorgenommen.

Mutter Marsiola hofft auf eine Ausbildung beispielsweise als Schneiderin. Diese Tätigkeit hat sie in ihrer Heimat bereits ausgeübt, doch diese werde in Deutschland nicht anerkannt. Denkbar wäre aber auch der Beruf als Hauswirtschafterin oder als Altenpflegerin. „Alles Dinge, die mir liegen“, sagt sie. Dafür lernt sie weiter Deutsch, um noch besser alles verstehen zu können. Dass auch sie gewillt ist, in Deutschland Fuß zu fassen, macht ihr Engagement in der Kita deutlich, wo sie sich ehrenamtlich einbringt.

Tochter Anja jedenfalls will hierbleiben. „Ich bleib bei meinen Freunden in der Kita“, hat sie ihrem Vater deutlich gemacht – auf Deutsch, versteht sich. Diesen Wunsch will er ihr erfüllen – wenn man ihn lässt.



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