Do., 05.10.2017

Ursula Gehsenhues ist gehbehindert: Ohne fremde Hilfe geht es oft nicht

Altstadtpflaster contra Rollator: Grobe Rillen und Unebenheiten durch abgesenkte Steine machen Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Leben schwer

Altstadtpflaster contra Rollator: Grobe Rillen und Unebenheiten durch abgesenkte Steine machen Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Leben schwer Foto: .

Burgsteinfurt - 

Ursula Gesenhues hat den Eindruck, als ob das Thema aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Dabei werden die Belange von Menschen mit Behinderung und generell älteren Mitbürgern immer wichtiger. Stichwort Erreichbarkeit: Wie ergeht es ihnen, wenn sie zur Post oder zum Rathaus gehen, den Arzt aufzusuchen müssen oder ganz einfach einen Einkauf tätigen?

Von Ralph Schippers

Die 51-jährige Burgsteinfurterin stellt zumindest dem Ortsteil Burgsteinfurt in dieser Hinsicht kein allzu gutes Zeugnis aus. „Ich bin ganz oft auf die Mithilfe anderer angewiesen, wenn ich vor Stufen stehe, nicht in den Bus komme oder durch Hintereingänge gehen muss“, berichtet sie von ihren alltäglichen Erlebnissen. Hinzu komme das Altstadtpflaster, das praktisch in der gesamten Innenstadt verlegt ist. „Es mit Halbschuhen zu betreten, ist bestimmt noch gut machbar“, sagt sie mit ein wenig Verbitterung in der Stimme, „wenn man allerdings gehbehindert ist, dann hat man keine Freiheit mehr.“

Seit mehr als drei Jahrzehnten ist die Burgsteinfurterin körperbehindert. Nach einem Unfall ist sie halbseitig spastisch gelähmt. Nur mit einem Rollator, oder alternativ mit Krücken, kann sie sich bewegen. Mit starkem Willen und regelmäßiger krankengymnastischer Unterstützung gelingt ihr es, ihren Alltag weitgehend selbst zu organisieren. Von ihrer Wohnung in der Nähe des Kreislehrgartens aus geht sie mit ihrem Rollator regelmäßig in die Innenstadt, um dort Besorgungen zu machen.

Eine Leistung, vor der ziemlich viel Respekt bekommt, wer sie durch die Stadt begleitet. Ihr vierrädriges Hilfsmittel ist zwar stabil konstruiert und aufgrund der Verwendung von Aluminium-Teilen auch relativ leicht. Wenn der integrierte Einkaufskorb jedoch voll ist, ändert sich das schnell. Wenn es dann über das Kopfsteinpflaster geht, wird der Rückweg zu einem schwierigen Unterfangen. Besonders aufpassen muss die 51-Jährige auf Lücken oder gar fehlende Steine. Immerhin: Wenn eine schadhafte Stelle bei der Stadt gemeldet wird, sei diese meist schnell repariert. Das ändere aber nichts an der allgemeinen Ungeeignetheit von Kopfsteinpflaster für Gehbehinderte, aber generell auch betagtere Fußgänger. „Ich bin mit meinen 51 Jahren ja in dieser Hinsicht noch ein Küken“, weiß Gesenhues. Aber jede wisse: Die Gesellschaft altert immer mehr. Sie selbst traue sich, aktiv andere anzusprechen, ihr in misslichen Situationen zu helfen. Viele Ältere tun das aber nicht (mehr). Die blieben dann lieber zu Hause.

Kritik übt die Burgsteinfurterin nicht nur am Pflaster, sondern auch an der behindertengerechten Zugänglichkeit einiger Einrichtungen in der Altstadt. Dazu gehören das Stadtmuseum, die Post („Ich muss umständlich durch den Hintereingang gehen“), und am Bahnhof („Der Einstieg ist zumindest bei einigen Zügen zu hoch“; „Die Unterführung ist in Ordnung, wenn man als Frau alleine ein flaues Gefühl hat, sie zu passieren“). Lob hat sie für die Stadtbücherei („Das Personal hilft mir und es gibt einen Lieferservice per Rad“), das Kino Steinfurt („Der aktuelle Pächter hat viel in Sachen Barrierefreiheit getan“) und das Rathaus in Borghorst parat.

Oft hingegen habe sie den Eindruck, dass Denkmalschutz vor Behindertenfreundlichkeit geht. Ein Beispiel dafür sei das Gebäude der Hohen Schule.

Gedanken, aus Burgsteinfurt wegzuziehen, hat sie sich aber noch nicht gemacht. „Meine Familie und meine Freunde leben hier“, sagt sie. Das lasse sie viel ertragen.

Mit gemischten Gefühlen sieht sie dem Herbst entgegen. Kopfsteinpflaster und Laub sei keine gute Kombination. Was Behindertenfreundlichkeit und Barrierefreiheit im öffentlichen Raum anbelangt, gibt es für die 51-Jährige ein Musterbeispiel: „Die Stadt Enschede hat das ganz hervorragend gelöst.“

Gesenhues ist es wichtig, die Verantwortlichen zu sensibilisieren. Das gilt nicht nur für öffentliche Institutionen. Auch Private seien gefragt, seien es Hauseigentümer von Praxisgebäuden oder Betreiber von Gastronomiebetrieben. „Da habe ich als Gehbehinderte oftmals nicht die freie Wahl. Warum eigentlich nicht?“, fragt sie.



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