Fr., 06.10.2017

Aktivisten sehen Protest als „Einsatz für eine bessere Welt“ „Erstmal zählt das Gefühl“

Bis in die frühen Morgenstunden blieben die Anti-Atom-Aktivisten auf den Gleisen liegen, ehe sie mit Presslufthämmern aus ihren „Verankerungen“ gelöst wurden. Die Arme von Simon, Daniel und Johanna (kl. Bild) sind tief im Gleisbett vergraben.

Bis in die frühen Morgenstunden blieben die Anti-Atom-Aktivisten auf den Gleisen liegen, ehe sie mit Presslufthämmern aus ihren „Verankerungen“ gelöst wurden. Die Arme von Simon, Daniel und Johanna (kl. Bild) sind tief im Gleisbett vergraben. Foto: Bernd Schäfer

Steinfurt - 

Die Atomkraftgegner, die sich in der Nacht zum Freitag ins Gleisbett der Bahnstrecke Steinfurt-Gronau einbetonierten, wollten Aufmerksamkeit erregen – aber auch Sand im Getriebe der Atomwirtschaft sein.

Von Bernd Schäfer

Gegen 22 Uhr wird es richtig kühl. „Alles okay bei Ihnen?“, fragt der Polizist die drei jungen Leute, die seit mittlerweile vier Stunden auf dem kalten Boden zwischen den Gleisen der Bahnstrecke Burgsteinfurt-Metelen liegen, etwa in Höhe des Kieferngrundsees.

Die beiden jungen Männer und die Frau im Alter zwischen 22 und 28 Jahren bejahen die Frage des Polizisten, sie sind dick angezogen, dazu haben sie Schlafsäcke und Isomatten, um sich vor der Kälte zu schützen.

Simon, Daniel und Johanna haben sich gut auf diese Aktion vorbereitet, mit der sie einen Transport von Uranhexafluorid zur Firma Urenco in Gronau erschweren. Schon Tage vorher wurden „von irgendwem“ Betonrohre ins Schotterbett der Schienen gegossen. In diese steckten sie am Donnerstagabend ihre Arme und verkeilten sie mit Bauschaum darin. „Das ist, glaube ich, das erste Mal, das jemand das auf diese Art macht“, sagt Simon – und ist gespannt, wie die Polizei es anstellen wird, ihn und seine Mitstreiter daraus zu befreien.

Warum so viel Aufwand und Einsatz, wo doch in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie schon beschlossene Sache ist? „Die Urananreicherungsanlage in Gronau ist davon nicht betroffen“, erklärt Simon.

Und die liefere immerhin rund ein Zehntel des weltweiten Bedarfs an angereichertem Uran, das zur Herstellung von Brennstäben für Atomkraftwerke benötigt wird. „Das ist ein weltweites Problem – man darf in einer globalisierten Welt nicht nur an seine Haustür denken“, sieht der 28-Jährige, der für die Aktion aus Flensburg nach Steinfurt gekommen ist, durchaus noch Sinn in Protestaktionen.

Als Beispiel nennt er die belgischen „Pannenreaktoren“ Tihange und Doel, die ebenfalls aus Gronau mit angereichertem Uran versorgt werden. „Wenn da was passiert, hat das auch auf deutsche Städte Auswirkungen.“

Während die drei mit tief in der Erde vergrabenen Armen darauf warten, dass eine Sondereinheit der Polizei mit Geräten eintrifft, um sie auszugraben und anschließend direkt festzunehmen, wissen sie sehr genau, dass sie sich strafrechtlichen Konsequenzen stellen werden müssen. „Erstmal zählt das Gefühl, hier zu sein und etwas zu tun“, schiebt Daniel diesen Gedanken noch etwas beiseite. Ganz klare Vorstellungen hat dagegen Johanna: „Im Vergleich zu Lebenslagen, die andere Menschen ertragen müssen, ist das hier ein Pups“, sagt die 22-Jährige. Und auch die drohenden Konsequenzen seien den Einsatz wert. Im weiteren Verlauf der Nacht wird es immer kälter, regelmäßig erkundigen sich die Polizeibeamten, die sich zwischendurch immer mal wieder in ihrem Bulli aufwärmen können, nach dem Befinden. Hin und wieder gibt einer den Zwischenstand des Fußball-Länderspiels durch, mal wird gemeinsam mit der Taschenlampe zwischen Rucksäcken und Decken ein Buch gesucht, mal eine Flasche Wasser.

Gegen ein Uhr morgens treffen endlich die Spezialkräfte mit ihrem Werkzeug ein, mit einem Presslufthammer werden vorsichtig die Betonrohre aufgestemmt, unterstützt von der Feuerwehr, die für Licht sorgt, und Rettungssanitätern, falls doch etwas passieren sollte. Bis alle drei Aktivisten befreit sind, dauert es bis etwa 4.30 Uhr.



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