Mo., 01.01.2018

Dart-WM: Publik-Viewing „Don´t take me home . . .“

Die Dart-WM sorgte im Kesselhaus für reichlich Gesprächsstoff. Vor allem beim Spiel von Altmeister Phil Taylor wurde kräftig mitgefiebert.

Die Dart-WM sorgte im Kesselhaus für reichlich Gesprächsstoff. Vor allem beim Spiel von Altmeister Phil Taylor wurde kräftig mitgefiebert. Foto: Stefan Bamberg

Greven - 

Zum Public-Viewing trafen sich Fans des Dart-Sports im Kesselhaus. Dort fieberten die meist jungen Zuschauer kräftig mit, feuerten ihre Stars aus der Ferne entsprechend an und freuten sich über eine Stimmung fast wie im berühmten „Alexandra Palace“.

Von Stefan Bamberg

Wiebke kommt gerade frisch aus England. Mittwoch war sie noch live dabei. Damian ist letztes Jahr rüber geflogen. Beide waren von den Socken: „Da knüpfst Du sofort neue Kontakte“, berichten sie unisono. „Da“ ist der „Alexandra Palace“ in London, „da“ ist die Darts-Weltmeisterschaft. Das Jahreshighlight einer Sportart, die auch hierzulande durch die Decke geht. Ein boomendes Trinkspiel. Das Phänomen Darts einfach erklärt? Wiebke zuckt mit den Schultern: „Einer guckt es – irgendwann gucken es ganz viele.“ So viele, dass man glatt ein Rudelgucken draus machen könnte. Das hat sich auch das Kesselhaus-Team gedacht – und am Freitagabend das erste Darts-Public-Viewing Grevens veranstaltet. Wiebke und Damian stehen diesmal als Gastgeber hinter der Theke. Viele ihrer Kumpels sind da. Jungs von Greven 09 und von der DJK – heute gucken sie zusammen. Zwei WM-Viertelfinals stehen an, Sport 1 überträgt live von nachmittags bis nachts. Die Kamera schwenkt durch ein wildes Publikum, das die Sau rauslässt, bunt kostümiert. Etwa ein Fünftel der Tickets wird übrigens an Deutsche verkauft – obwohl nahezu keine Deutschen mitspielen. Dafür zwei Holländer: Raymond van Barneveld und Michael van Gerwen duellieren sich im ersten Match des Abends. Van Gerwen ist der Titelfavorit, aber nicht wirklich beliebt. „Barney-Army, Barney-Army!“, hallt es in London. So heißt Barnevelds Fanclub. Und Greven? Sieht das genauso. Haare raufen, Nägel kauen, Riesenjubel, als der Publikumsliebling sich zurückkämpft und zum 4:4 ausgleicht.

Ach ja, die Regeln: Man muss 501 Punkte auf Null spielen und fünf „Sets“ gewinnen, die aus „Legs“ bestehen. Die kleinen Flächen innen zählen dreifach, die etwas größeren außen doppelt. Ein Leg muss man mit einem Doppelfeld beenden. Das hat man auch als Neuling in – allerspätestens – zehn Minuten kapiert. „Das ist einfach, und das macht es wohl auch so erfolgreich“, vermutet Linus, einer der mitfiebernden 09-Fußballer. „Barney“ verliert die Partie höchst dramatisch mit 4:5 – die Rudelgucker sind enttäuscht, aber nur kurz. Vom Gefühl her genau das, was die Fans im „Ally Pally“ jetzt auch jeden Moment anstimmen könnten: „Hey ho! Let’s go!“

Passt auch. Denn nun kommt „The Power“: Der heißt eigentlich Phil Taylor, ist das berühmteste Gesicht der Szene und bestreitet mit 57 Jahren seine letzte WM. „Man würde ihm den Titel noch mal gönnen“, findet Linus. „I’ve got the power!“– das ist naheliegenderweise Taylors Einlaufmusik. Blitzlichtgewitter, er wird angekündigt wie ein Schwergewichtsboxer und sieht auch aus wie einer. Nur mit deutlich weniger Muskeln. Wenn man irgendwen niemals mit „Sport“ in Verbindung brächte, dann diesen Typen. Aber Pfeile werfen – kann er. Und es ist auch zu erahnen, wie viel Übung es braucht, um die Dinger so präzise in die nur wenige Millimeter breiten Felder zu schrauben.

Bestimmt 60 Leute kleben jetzt an der Glotze, längst haben sich interessierte Väter hinzugesellt. Es wird knapp für Taylor gegen den Schotten Gary Anderson. „Oh, oh, oh!“, schreit Sport 1-Mann Elmar Paulke. Er und sein Co-Kommentator, der deutsche Dart-Profi Tomas „Shorty“ Seyler, sehen in ihrem Reporter-Kabuff ein bisschen aus wie zwei Reisebusfahrer nachts an der Tanke – sie quatschen sich in den Wahnsinn. Und behalten die Reaktionen der Fans stets im Auge: Darts lebt nämlich auch in und von den sozialen Netzwerken. Immerzu werden Tweets und Posts euphorisierter Zuschauer eingeblendet. Fernsehkoch Steffen Henssler zum Beispiel schaut offenbar auch zu: „Geiles Spiel!“, twittert er. Fans, die dauernd zwitschern – und oft auch schon einen gezwitschert haben. „Don’t take me home, please don’t take me home! I just don’t wanna go to work!“, skandiert der „Ally Pally“. Nicht arbeiten gehen, lieber Bier trinken. Lieber feiern. „Auf der Bühne geht’s zur Sache und rundherum ist Party“, urteilt Linus. „Das ist einfach ein geniales Konzept.“

Taylor hat sich derweil Match-Darts erkämpft. Der erste fliegt vorbei. „Komm, ‚the Power‘!“, raunen zwei 09-Jungs. „Doppel-Zehn!“ – Paulke und Seyler drehen mittlerweile vollständig am Kabel. Drin! „Ally Pally“ und Kesselhaus feiern nun – so scheint es – synchron: „There’s only one Phil Taylor, one Phil Taylor, walking along, singing this song – walking in a Taylor Wonderland!“ Das ist die Taylor-Hymne. Das Schönste daran: Man kann sie auf jeden hier Anwesenden mit einsilbigem Vor- und zweisilbigem Nachnamen umdichten – und das machen die Rudelgucker natürlich sofort. Es ist inzwischen kurz vor Mitternacht – Zeit, schlafen zu gehen? Nix da: Don’t take me home, please don’t take me home…



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5393851?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686209%2F2686793%2F