Di., 15.03.2016

Fußball: Inklusionsturnier BW Aasee schürt Begeisterung – Gewinnen ist nicht das Wichtigste

Begeisterung auf der Bank (oben mit Trainer Dietmar Sonius, l.) und auf dem Platz ist der Trumpf, mit dem die Inklusions-Abteilung von Blau-Weiß Aasee wuchern kann.

Begeisterung auf der Bank (oben mit Trainer Dietmar Sonius, l.) und auf dem Platz ist das Pfund, mit dem die Inklusions-Abteilung von Blau-Weiß Aasee wuchern kann. Foto: Peter Leßmann

Münster - 

Die zweite Station der Inklusions-Turnierserie fand bei BW Aasee statt. Genauer: In den Sporthallen des Wolbecker Schulzentrums. Mit dabei waren 16 Mannschaften. Worauf es ankam: jedenfalls nicht auf das Gewinnen. Die jungen Fußballer mit Handicap leben andere Werte in der Halle und auf dem Platz.

Von Jürgen Beckgerd

Es sind Sätze wie diese, die aufhorchen lassen: „Fußball ist zwar nicht das Wichtigste – der Jens ist ja auch nicht der Beste. Aber dass er mit anderen Kindern zusammen sein kann, das ist schön“. Die Frau, die sich nicht so recht für Fußball begeistert, ist Jens’ Mutter. 16 Jahre ist der groß gewachsene Junge alt und ebenso lange ist er wegen eines bereits im Mutterleib erlittenen Hirninfarktes gehandicapt: einseitig bewegungseingeschränkt, epileptisch, sprachbehindert.

Jens spielt in der Tat nicht die größte Rolle im Team von Blau-Weiß Aasee, aber die spielt eigentlich keiner an diesem Samstag. Der Verein ist Gastgeber einer Turnierserie des Fußball- und Leichtathletik Verbands Westfalen (FLVW) für Inklusionsmannschaften – 16 Teams sind, von der U 15 bis zur Ü 18, also von Kindern bis Erwachsenen, in den beiden Wolbecker Sporthallen zu Gast.

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Erfolg ist nicht der absolute Faktor.

Dietmar Sonius

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„Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um die Gemeinschaft. Erfolg ist nicht der absolute Faktor“, betont Dietmar Sonius. Der Trainer und Vorsitzende der Vereinsjugend kümmert sich, organisiert, koordiniert. Der Mann ist die Gelassenheit in Person, ebenso wie das Trainer-Brüderpaar Johannes und Matthias Beermann, das sich der U-15-Mannschaften, also der jüngsten Altersklasse, annimmt. Dabei ist der Job kein leichter, Schema F und Routine sind fehl am Platze.

„Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Handicaps zu tun“, sagt Johannes Beermann. Es sei schwer, es möglichst vielen recht zu machen. Jens’ Mutter würde beispielsweise ihren Filius am liebsten zum Basketball schicken, „weil er das besser kann“. Nur: Basketball gibt’s bei Blau-Weiß nicht. Es ist wohl das kleinste Problem. „Es ist schön, die Entwicklung zu verfolgen“, sagt Matthias Beermann. „Am Anfang ist es für die meisten halt unglaublich schwierig, die koordinativen Fähigkeiten zu entwickeln.“

Unterschiedliche Handicaps

Ganz unterschiedliche Handicaps der mitunter sehr starken Persönlichkeiten müssen berücksichtigt werden: Down-Syndrom, Verhaltensauffälligkeiten, psychische und körperliche Einschränkungen machen den Kindern das Leben schwer. Fußball ist da etwas Leichtes. Dafür ist die integrative-inklusive Sportabteilung von BWA da. „Der einzige Sportverein mit solch einem Angebot im gesamten Fußballkreis Münster“, schildert später der Kreisvorsitzende Norbert Reisener.

In der Halle nähern sich die Teams dem Turnierende. Jens, vielleicht ein besserer Basket- als Fußballer, ist begeistert von seinem Einsatz:

„Haste gespielt?“

„Ja!“

Und – hast du ein Tor geschossen?“

„Nee. So knapp“, sagt er und presst Daumen auf Zeigefinger der vorgehaltenen Hand. Man kann ihn schlecht verstehen, aber Jens lacht aus vollem Herzen, als er das sagt. Das reicht, um zu wissen, was der Fußball für ihn bedeutet.

Christoph hat das Down-Syndrom, er unterhält die wenigen Zuschauer mit einer Permanent-La-Ola-Welle. Er freut sich, wenn er eingewechselt wird – und natürlich noch mehr, wenn ein Tor fällt. Dann sind Gestik und Mimik mit einer solch ansteckenden Fröhlichkeit, dass man Jens’ Mutter („Fußball ist nicht das Wichtigste“) glatt vergisst.

Traurige Momente

Es gibt auch traurige Momente: Jonathan schmollt, will partout nicht zur Siegerehrung und vor allem keine Glückwünsche. Wofür auch, noch weiß ja niemand, welchen Platz seine Mannschaft erreicht hat. Und irgendwie will das jetzt auch noch keiner wissen. Svenja ist dennoch stolz, sagt sie mit einem knappen „ja“ – wie sie überhaupt alle Fragen nach dem Turnier, und ob sie sich freue über ihr Tor mit Pike aus zehn Metern mit „ja“ beantwortet. Mehr sagt sie einfach nicht, aber sie strahlt über das ganze Gesicht.

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Es ist schön, die Entwicklung zu verfolgen.

Trainer Matthias Beermann

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Es sind Sätze wie dieser, die aufhorchen lassen: „Es sind Kinder unserer Gesellschaft, die in die Mitte gehören und nicht an deren Rand“, sagt FLVW-Vizepräsident Klaus Jahn bei der offiziellen Begrüßung. Und Uwe Steinebach, Koordinator für Inklusion im Verband, spricht vom „Fußball als Bindeglied“ und davon, dass das Dankeschön der Kinder und Jugend­lichen „mehr bedeutet als alles andere“. Sätze wie diese sind längst verhallt, und deren Redner sind vorzeitig ab­gereist, als die Jungen und Mädchen immer noch dem Ball hinterher rennen – so begeistert, als gäbe es kein Morgen.

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