So., 27.03.2016

Segelfliegen Familiensache in der Luft

Die Liebe zur Fliegerei eint Gesa Brüssow und ihren Vater Edgar Uekötter.

Die Liebe zur Fliegerei eint Gesa Brüssow und ihren Vater Edgar Uekötter. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Bei den Uekötters aus Münster genießt das Segelfliegen höchste Priorität. Opa Hans, Papa Edgar und Tochter Gesa – das Flieger-Gen hat sich reihum fortgepflanzt.

Von André Fischer

Diese Frage sei eingangs gestattet: Wissen Sie noch, wann oder besser wo Sie laufen gelernt haben? In der Regel vergehen zwischen dem ersten Schrei und dem ersten bewussten Schritt mehrere Monate. Der Zeitpunkt dafür ist gänzlich individuell. Und?

Edgar Uekötter muss nicht lange grübeln: „Laut Erzählungen war ich um die 13 Monate alt. Das ist früh“, lächelt er. Und schiebt nach: „Wo sonst als in Handorf! Im Ortsteil Dorbaum gab es früher ein Militärgelände, das vornehmlich Segelflieger nutzten. Da habe ich mehr oder weniger meine Kindheit verbracht.“ Stets gut be- und gehütet an der Seite von Vater Hans, ein ebenso begnadeter wie tollkühner Flieger, der den Spross auf den Geschmack brachte. Der kleine Uekötter hatte noch Windeln vorm Hintern, als er das erste Mal im Segler Platz nahm – erwartungsvoll, gespannt. Aus reiner Neugier wurde im Laufe all der Jahre Faszination, pure Leidenschaft. Das seit nun 44 Jahren. Mit zarten 14 nahm der heute 58-Jährige den Steuerknüppel während der Segelfliegerausbildung erstmals selbst in die Hand, um sich auf seinen ersten Tanz mit den Wolken einzulassen.

Schrauben im Winter

Gesa lauscht bedächtig den Worten ihres Vaters, beobachtet ihn aufmerksam. Hier in der bitterkalten Werkstatt des Verkehrslandeplatzes Münster-Telgte, in der in den Wintermonaten traditionell kräftig geschraubt wird, kommt Edgar Uekötter richtig in Fahrt, plaudert mit Händen und Füßen. So, als habe er sonst kaum die Gelegenheit, über sein Hobby zu sprechen. „Segelfliegen ist ein Naturerlebnis. Mit dem Abheben vom Boden beginnt das Abenteuer“, sagt er. Er tut dies unwissentlich mit einem (kindlichen) Glanz in den Augen, der wie ein Spiegel auf seine Tochter wirkt. Sie weiß ganz genau, wovon ihr „alter Herr“ spricht. „Auch mich hat dieser Sport sofort in seinen Bann gezogen“, fährt sie ihrem Vater in die Parade.

Es ist die Parallelität der Ereignisse, auf die die Familie stolz ist. Hans, Edgar, Gesa – generationsübergreifendes Fliegen hat Tradition bei den Uekötters. Wie anscheinend auch das Laufenlernen. „Gesa hat hier im Berdel ihre ersten Schritte gemacht“, erinnert sich Edgar Uekötter. „Hier, direkt nebenan.“ Auf dem Pachtgrund eines Bauers neben dem Flugplatz, der den Farben des Luftsportvereins Münster eine Heimat bietet, hatten die Uekötters jahrelang einen Wohnwagen angemietet, mutierten an den Wochenenden förmlich zu Dauercampern – Lagerfeuerromantik inklusive. „Diesem Zauber konnte man sich kaum entziehen“, erzählt Vater Uekötter. Vor allem wenn einer der anderen segelfliegenden Camper eine Klampfe auspackte, war Gänsehaut vorprogrammiert.

Klassiker des Liedguts

Dann wurden sie gesungen, die Lieder von der Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Reinhard Meys „Über den Wolken“ war ebenso Standard wie der Klassiker „Wenn der Vater mit dem Sohne (oder eben der Tochter) einmal ausgeht, und dann keiner gern nach Haus geht, dann erleben sie unterwegs die dollsten Sachen, mal zum Weinen – mal zum Lachen“. Uraltes deutsches Liedgut aus dem gleichnamigen Film mit Heinz Rühmann von 1955 – damals so gut und wertvoll wie heute.

Auch Gesa Uekötter war gerade 14, als sie ihre Ausbildung begann. 15 Jahre ist das her. Mittlerweile hat die 29-jährige Erzieherin viel von der Welt da draußen und von dort oben gesehen. „Das ist ein Traum“, gesteht sie. Die reine Kraft der Natur macht’s möglich. Um sich in der Luft zu halten und gar über weite Strecken zu fliegen, ist ein Segelflieger auf Thermik angewiesen. Das heißt auf Auf- und Abwinde, die besonders durch Sonneneinstrahlung ausgelöst werden. Da das Münsterland als thermische Diaspora gilt, muss Gesa schon mal einige Kilometer machen, um nahezu perfekte Verhältnisse vorzufinden. Oder die Koffer und den Anhänger packen, um ins benachbarte Österreich, in die Schweiz oder nach Frankreich zu kommen. Oder gar in den Flieger steigen. Wie 2015. Auf Einladung „segelte“ Gesa drei Wochen am Persischen Golf in Dubai. Zusammen mit ihrem Mann Daniel, ein begeisterter Motor- und Modellflieger.

Bis nach Afrika

Ähnlich weit in die Ferne ist Vater Edgar auch schon geschweift. Aber zumindest gönnte er sich den Luxus, drei Monate Urlaub zu nehmen und Süd-Afrika aus der Vogelperspektive unsicher zu machen. „In Namibia haben mich die Aufwinde bis auf 6000 Meter getragen. Hier im Münsterland ist nach 1500 bis 1800 Metern Schluss mit lustig. Das war schon ein Erlebnis“, sagt Uekötter, der tatsächlich spürt, dass die Saison jetzt unmittelbar bevorsteht. Denn: „Ostern ist auch für uns ein symbolisches Datum. Dann öffnen sich meist die Tore der Fliegerhallen.“

Wohin die Winde ihn, Gesa und seinen Schwiegersohn Daniel in Zukunft wehen, ist offen. „Ich hätte da so eine Idee“, schmunzelt die Tochter und blickt ihrem Papa tief in die Augen. „Südamerika?“ Die Rhetorik in der Frage des Familienoberhauptes ist nicht zu überhören. Chile heißt das Stichwort. „Ein wirklich atemberaubendes Land mit unglaublich gastfreundlichen Menschen. Liebend gern zu dritt“, gerät Gesa ins Schwärmen und träumt schon von den beeindruckenden Gipfeln der Anden. Nur fliegen ist schöner.



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