Do., 20.07.2017

Fußball: Interview Preußen-Sportchef Metzelder: „Ich sage lieber Auf- als Umbruch“

Sachlicher Ton, klare Ansagen: SCP-Sportchef Malte Metzelder verschafft sich mehr und mehr Profil.

Sachlicher Ton, klare Ansagen: SCP-Sportchef Malte Metzelder verschafft sich mehr und mehr Profil. Foto: Gunnar A. Pier

Münster - 

Malte Metzelder ist gerade dreieinhalb Monate im Amt, doch auf seinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Der Sportdirektor des SC Preußen, der gleichzeitig (vorerst) die Geschäftsstelle mitleitet, muss zahlreiche Felder beackern. Kurz vor dem Drittliga-Start sprach er im Interview mit unseren Redaktionsmitgliedern Ansgar Griebel und Thomas Rellmann nicht nur über Fußball, sondern auch über Weitsicht, Strategien zum Erfolg und die zahlreichen Vakuen in Münster.

Von Ansgar Griebel und Thomas Rellmann

Wie groß ist die Zuversicht bei Ihnen vor dem Saisonstart am Samstag?

Metzelder: Die Mannschaft hat in der Rückrunde gezeigt, dass sie Qualität hat. Die Spieler sind noch enger aneinander gerückt. Das kann ein Baustein sein. Als Verantwortlicher bin ich natürlich gespannt zu sehen, ob die Arbeit sich rentiert.

"Man ahnt gewisse Dinge"

Wie kam es dazu, dass Sie sich nicht so namhaft verstärkt haben?

Metzelder: Wir haben uns bewusst entschieden, keine Top-Leute der Liga zu holen, die sofort helfen, sondern wollten Perspektivspieler, die jung und hungrig sind.

War Ihnen klar, dass das Budget vergleichsweise eng ist, dass kein Raum für teure Einkäufe da ist?

Metzelder: Ich bin erst im April gekommen, so bewusst war es mir nicht. Man ahnt gewisse Dinge, aber den Handlungsrahmen kannte ich erst, als ich da war. Auch erfahrene Spieler können Zeit brauchen, um im neuen Verein an ihr echtes Leistungsvermögen zu kommen. Unser Ansatz kann sehr spannend sein.

Die Lizenzierung war eine extrem enge Sache. Gab es Überraschungen in den ­Bilanzen? Eigentlich galt der SCP als solide wirtschaftender Verein…

Metzelder: Vielleicht wurde die wirtschaftliche Situation nach außen auch anders dargestellt, als sie war. Das kann ich aber nur schwer beurteilen. Der DFB hat die Auflagen aber enorm verschärft, nachdem Vereine während der Saison Insolvenz beantragt und diese teils vielleicht sogar einkalkuliert haben.

Erklärt das, warum nur wenige Vereine Geld in die Hand genommen haben?

Metzelder: Richtig. Die Zweitliga-Absteiger haben einen Puffer. Die anderen Clubs schauen eher in die Regionalligen oder A-Jugend-Bundesligen.

Fotostrecke: Das sind die Gegner von Preußen Münster

Bedeutet das, dass die Preise Ende August automatisch sinken?

Metzelder: Der Markt ist noch vollgespült mit Dritt­liga-Spielern. Da wird es noch Bewegung geben, aber nicht zu den jetzigen Gehaltsvorstellungen.

Kommt noch ein Spieler?

Metzelder: Wir werden keinen Schnellschuss machen. Womöglich haben wir noch Spielraum für einen Mann. Wir beobachten erst mal den eigenen Kader: Wo kann es Probleme geben?

Trainer Benno Möhlmann sprach schon von einer Übergangssaison…

Metzelder: Übergang, Umbruch – das sind ja fast schon Begriffe, die hier in Münster verdammt sind. Ich könnte mich mit dem Wort Aufbruch anfreunden. Gerade in Verbindung mit den Themen, die im Hintergrund angeschoben werden. Wir gehen von der Kaderphilosophie nun einen anderen Weg. Mit einer möglichen Ausgliederung kann sich Aufbruch ergeben.

Fotostrecke: Der Kader für die Saison 2017/18 - Kurzporträts

Haben Sie manchmal Angst um den SCP, falls Ausgliederung und Stadionprojekt scheitern?

Metzelder: Unser Präsident Christoph Strässer und Aufsichtsratschef Frank Westermann haben sich am Freitag klar positioniert. Beides ist alternativlos.

Belasten diese Themen auch die Spieler?

Metzelder: Die Jungs spüren schon, dass sich etwas verändert hat. Sie kriegen mit, dass über wirtschaft­liche Themen gesprochen wird. Gerade auf die Führungsspieler kommt da noch mehr Verantwortung zu.

Die Politik beruft sich gern auf den sportlichen Status quo, der 3. Liga heißt…

Metzelder: Eine gewisse Euphorie würde die Dinge sicher vereinfachen.

Ist für Sie der Übergang vom Spieler zum Funktionär abgeschlossen?

Metzelder: Ich habe mittlerweile eine gute Distanz, ­ticke nicht mehr als Spieler. Manchmal ist es aber nicht einfach, sich auch sprachlich anders gegenüber der Mannschaft zu präsentieren.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus, wie viele Stunden schuften Sie?

Metzelder: Also, meine Freundin ist noch da. Aber es ist schon eine Menge, an freie Tage ist nicht zu denken. Es macht ja dennoch Laune. Ich wünsche mir, dass die investierte Zeit auch gewinnbringend ist. Man darf nur nicht zu dem Schluss gelangen, dass es eine Einbahnstraße ist.

Können Sie den Job des ­Geschäftsstellenleiters mittelfristig abgeben?

Metzelder: Mein Standpunkt ist nach wie vor, dass die Bereiche zeitnah getrennt werden müssen.

Das würde die Finanzen weiter belasten.

Metzelder: Ich war bereit, das vorübergehend mitzumachen. Aber mittelfristig ist schon zu lang. Klar kann man alles irgendwie bewerkstelligen, aber dann deckt man vielleicht viele Bereiche ab, nur nichts richtig gut. Schlimmstenfalls beginnt man Fehler zu machen, weil Entscheidungen schnell getroffen werden müssen.

"Stellen, die nicht abgedeckt sind"

Vorstandsmitglied Walther Seinsch sagt, eine Person kann beide Stellen in der 3. Liga ausfüllen.

Metzelder: Lotte hat einen hauptamtlichen Videoanalysten, einen Scoutingbereich gibt es in Münster kaum. Da sind viele Stellen allein im Sportbereich, die nicht ab­gedeckt sind. Da bewegen wir uns nicht an­nähernd auf Augenhöhe mit anderen Drittligisten. Wenn all das gegeben wäre, gäbe es vielleicht die Möglichkeit, die Doppelfunktion auszufüllen. So, wie es aktuell ist, ist das nicht möglich.

Wurde zu kurzfristig gedacht? Muss der SCP künftig eher in Scouts als in einen gestandenen Zweit­liga-Profi investieren?

Metzelder: Mit guten Strukturen kann man Erfolg vorbereiten. Es gibt auch Vereine, die in Beine investieren und bei denen es auch klappt. In Münster hat man das in dieser Schiene sehr lange versucht. Aber dieser Weg ist ja endlich. Wenn ich nichts mehr in der Tasche habe, ist es vorbei.

Bei Preußen haben lange auch die jeweiligen Trainer den Weg vorgegeben …

Metzelder: Genau das birgt Gefahren. Der eine will rechts lang, der andere links. Das geht ja auch mit einem Wissensverlust einher, gerade im Scouting. Es gibt keine zentralen Datenbanken, keine Struktur, die das Wissen im Verein hält. Da müssen wir etwas aufbauen. Auch mit Blick auf die Jugend. Für solche Veränderungen muss man investieren, das geht nicht von heute auf morgen.

Ist es logisch, Stadion und Ausgliederung miteinander zu verknüpfen?

Metzelder: Beides sind wichtige Bausteine für die Zukunft. Das Stadionprojekt wird Jahre in Anspruch nehmen. Der Ausgliederungsprozess ginge deutlich schneller. Er würde mir in der Kürze der Zeit als Sportdirektor mehr helfen.

"Ein überschaubares Invest"

Gibt es weitere Chancen, sich finanziell zu rüsten?

Metzelder: Das klassische Marketing gibt es ja noch nicht im Verein, es ist ja eher ein Merchandising. Man müsste es als Abteilungsform einführen, um die Marke präsenter zu machen und neue Gelder zu generieren.

Wie weit ist Münster von einem Nachwuchsleistungszentrum entfernt?

Metzelder: Bisher hat man sich mit dem Thema nicht explizit auseinandergesetzt. Es braucht eine Personalstruktur. Wir müssen jungen Spielern Förderverträge geben können und sie lange binden, damit sie nicht ablösefrei zu Top-Clubs wechseln. Es wäre ein überschaubares Invest, auch wenn nicht jeder zündet.

Fällt auch dieser Punkt in Ihren Bereich?

Metzelder: Ja. Sie merken im Gespräch, dass es viele Themen gibt. Groß strategisch planen kann ich zurzeit gar nicht, weil ich im Tagesgeschäft voll gefordert bin. Ich denke, das ist allen bewusst. Gerade auch mit Blick auf die Lizenzierung zuletzt. Man darf nicht vergessen, dass die Gremien auch noch mal neu zusammengesetzt wurden. Da war sich auch nicht jeder im Klaren gewesen, wie viel Arbeit auf ihn zukommt. Man muss oft präsent sein, gerade beim Thema Sponsoren. Auch wenn da natürlich Lagardère in vorderster Reihe steht.



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