Mi., 04.10.2017

Rad: 12. Sparkassen-Münsterland-Giro Keine Reifenbreite macht den Unterschied

Sprint der Besten vor dem Schloss in Münster: Phil Bauhaus (von links), Sam Bennett, Matteo Pelucchi – er wurde Sechster – und André Greipel.

Sprint der Besten vor dem Schloss in Münster: Phil Bauhaus (von links), Sam Bennett, Matteo Pelucchi – er wurde Sechster – und André Greipel. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Sportlich war der 12. Sparkassen-Münsterland-Giro ein voller Erfolg, der letzte Sprint nahm sogar dramatische Züge an. Am Ende gewann der Ire Sam Bennett, nachdem die Jury fast eine Viertelstunde den Foto-Beweis auswerten musste. Rennleiter Fabian Wegmann war über den Verlauf glücklich.

Von Alexander Heflik

Minutenlang standen André Greipel, Marcel Kittel, Phil Bauhaus und Sam Bennett ahnungslos wenige Meter hinter der Ziellinie herum. Wartend. „Sollen wir die letzten 100 Meter nicht noch einmal fahren“, flachste zwischendurch Greipel, zweifacher Giro-Champion 2008 und 2014 in Münster. Kittel, der 2011 und 2012 seinen über 100 Profisiege umfassenden Palmarès in Münster aufgebessert hatte, wusste auch nicht so recht, was er davon halten sollte. Derweil beugte sich die Jury des Radsport-Weltverbandes UCI über alle erhältlichen Bilder und TV-Szenen, das Gremium wuchs in einer knappen Viertelstunde auf zehn Personen an. Nach vier Stunden, 35 Minuten und 27 Sekunden, die das anfangs 167 Fahrer große Peloton in Angriff genommen hatte, entschied eine Hundertstelsekunde über Erfolg und die nächsten drei Plätze. Der glückliche Sieger beim 12. Sparkassen-Münsterland-Giro: Sam Bennett aus Irland, der für das deutsche Top-Team Bora-Hansgrohe fährt und dafür 7515 Euro und 200 Rang­listen-Punkte einheimste.

Tolles Sprintfinale

„Für mich fühlt sich das ein bisschen wie eine Niederlage an“, sagte der 23 Jahre alte Phil Bauhaus nach dem Rennen. Der Bocholter von Team Sunweb hatte in einem wahrlich tollen Sprintfinale auf der Innenbahn alle Trümpfe in der Hand, verpasste aber rund 250 Meter vor dem Ziel einen Hauch zu spät den entscheidenden Antritt.

Und auch das musste notiert werden: Wäre das Rennen zehn Meter länger gewesen, hätte wahrscheinlich Marcel Kittel mit dem höchsten Tempo gewonnen. So wurde der 29-Jährige nur Vierter. Blech, keine Siegerehrung, eine Enttäuschung.

Davor fand sich als Dritter noch Greipel ein. Das Quartett lag wirklich einen Wimpernschlag auseinander. „So ist halt Radsport“, befand der Routinier. Und dampfte nach der Siegerehrung dann enttäuscht ab.

Extrem knapper Ausgang

Auf den 198,7 Kilometern von Wadersloh nach Münster hatten vier Ausreißer weit über 100 Kilometer das Rennen diktiert. Während sich Carl Soballa (LKT Brandenburg) die früh im Rennen anberaumten Anstiege zur Bewertung zu eigen machte, sicherte sich Luca Henn (Team Lotto-Kern Haus), Sohn des ehemaligen Telekom-Profis Christian Henn, die Sprintwertung. In dieser Gruppe versuchte auch der mehrfache Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Team Katusha) sein Glück, aber auch er wurde gestellt vom Feld.

Sieben Pro-Tour-Teams wollten einen Sprint am Ende des Tages, sie sollten ihn bekommen. Einen so knappen Ausgang des Profirennens hatte es seit der Premiere 2006 vor dem Schloss in Münster nicht gegeben.

Prinzipalmarkt so voll wie nie

Der Münsteraner Fabian Wegmann war nach Ende seiner Karriere als Profi erstmals Rennleiter bei dieser hochkarätigen Veranstaltung. Während sein Bruder Christian das Auto steuerte, kontrollierte der 37-Jährige das Renngeschehen: „Wir haben vom Weltverband die besten Kritiken bekommen“, wusste Wegmann zu be­richten. „Das war ein Wahnsinns-Publikum an der ­Strecke. Der Prinzipalmarkt war so voll wie nie.“ Er wusste, wovon er sprach, zehn Mal ist er den Giro selbst gefahren: „Alles war perfekt.“

Kommentar: Tragende Rollen

Die gute alte Stoppuhr hat längst Staub angesetzt. Die Zeit­nahme ist im Spitzensport mittlerweile eine hoch professionelle wie komplexe Angelegenheit. Und eine mitunter äußerst spannende, wenn es um Zentimeter, nein, um Millimeter geht. Dann kommt wie am Dienstag einer kostspieligen Kamera die tragende Rolle zu. Foto-Finish heißt das auf Deutsch. Kein Novum im großen Sport, aber eines im Rahmen des Giro. So eng ging es vor den Toren des Schlosses noch nie zu. Mit diesem dramatischen Finish haben die Top-Sprinter der Szene erstklassige Werbung für den Radsport betrieben. Großartig. Das bestens unterhaltene Publikum sagte Danke. Dabei war die Phase nach der nebulösen Entscheidung auf dem Zielstrich die eigentlich faszinierende. Tausende Zuschauer tuschelten, mutmaßten – da wollte jeder mitreden, den vermeintlichen Sieger gesehen haben. Und der eine oder andere fühlte sich beim ­Namen Sam Bennett be­stätigt. Herrlich: Trotz moderner Technik musste es dann doch das menschliche Auge richten. Von André Fischer

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