Mi., 13.09.2017

Fußball: 3. Liga Preußen steht vor Schicksalsmonaten der Vereinsgeschichte

Profifußball oder Sportplatzromantik? An dieser Gabelung steht der SC Preußen im Augenblick. Das Stadion an der Hammer Straße besitzt zwar inzwischen eine halbwegs moderne Tribüne, steht ansonsten aber vor dem Verfall.

Profifußball oder Sportplatzromantik? An dieser Gabelung steht der SC Preußen im Augenblick. Das Stadion an der Hammer Straße besitzt zwar inzwischen eine halbwegs moderne Tribüne, steht ansonsten aber vor dem Verfall. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Klappt die Ausgliederung? Lässt sich der Stadion-Neubau realisieren? Was wollen die Mitglieder? Wie kommt der Verein wirtschaftlich auf die Beine? Und was passiert, wenn die Vorhaben der aktuellen Führung scheitern. Für Preußen Münster steht in den nächsten Wochen und Monate eine Menge auf dem Spiel.

Von Thomas Rellmann

Wenn die sportlichen Sorgen doch nur die größten rund um den SC Preußen wären. Ja, der gute Saisonstart mit sieben Punkten aus drei Spielen ist nach der dritten Heimpleite längst vergessen. Ja, der Kader ist auf einzelnen Positionen und in der Breite nur durchschnittlich bestückt. Und ja, Trainer Benno Möhlmann ließ nicht nur einmal den Hinweis fallen, er müsse nun eben mit den vorhandenen Spielern auskommen. Doch qualitativ sollte das Aufgebot trotz aller Sparzwänge reichen, um eine Spielzeit ohne Zittern zu verleben.

Die wirklichen Probleme des Vereins, der nach dem Drittliga-Aufstieg 2011 auf eine rosige Zukunft hoffte, liegen tiefer. Der Schulterschluss des Frühjahrs zwischen Fans, Mannschaft und Führung („Alle zusammen für Preußen Münster“) hat die Sommerpause nicht überdauert. Von einer Euphorie ist wenig zu spüren, unabhängig von den jüngsten Niederlagen. Denn allen ist bewusst, dass die kommenden Monate über Wohl und Wehe des Traditionsclubs entscheiden werden. Angriff auf die 2. Liga oder sogar mehr, wie es Präsidiumsmitglied Walther Seinsch bei seinem Antritt im letzten Herbst propagierte? Wenigstens die Wahrung des Status quo? Oder sogar der Absturz Richtung Regionalliga, die der Ex-Boss des FC Augsburg für den Fall des Verweilens an der Hammer Straße prognostiziert? Das sind die Optionen.

Kommentar: Der große Traum

Frage: Was fehlt Münster zur ersten Fußball-Bundesliga? Antwort: ein erstligataugliches Stadion und eine erstligareife Mannschaft. Das ist zugegebenermaßen schon eine ordentliche Hypothek, vor allem, wenn sich Stadt und Verein nicht einig sind, in welcher Reihenfolge diese Punkte abgearbeitet werden müssen. Und es ergibt sich zwangsläufig eine Zusatzfrage: Will Münster diesen großen Traum eigntlich überhaupt träumen? Münster lässt sich immer gerne als eine der lebenswertesten Städte der Welt feiern. Hier ist man Mensch, hier darf man´s sein. In Dortmund, auf Schalke und in Köln sind die dazugehörigen Fußballvereine identifikationsstiftendes Kulturgut, in München, Frankfurt, Hamburg und Berlin werden sie als Premiumprodukt einer Weltstadt gepflegt, und in Mönchengladbach, Freiburg und Bremen sind sie tragende Säulen des Stadtmarketings. Münster dagegen ist sich selbst genug. Ein bisschen Fußball schadet da nichts, ist aber auch nicht so wichtig, als dass man dafür besondere Anstrengungen unternehmen müsste. Unter diesen Voraussetzungen werden die Preußen immer drittklassig bleiben – höchstens.  Ansgar Griebel

Vieles steht und fällt mit den Stadionplänen. Ein Neubau in der Stadt ist nach dem Ultimatum der Vereinsspitze Richtung Politik und vor allem aufgrund der Haltung der schwarzgrünen Ratsmehrheit kaum mehr realistisch. Also raus ins Umland? Nach Bösensell, Greven oder sonstwo hin? Würden das die Anhänger mitmachen? Das Okay der Mitglieder wollen sich Vorstandschef Christoph Strässer und der Aufsichtsratsvorsitzende Frank Westermann wie für die Ausgliederungspläne in jedem Fall holen. Von ambitionierten 75 Prozent Zustimmung ist die Rede. Gerade die aktive Fanszene dürfte von beiden Vorhaben schwer zu überzeugen sein. Scheitert nur eine der beiden Ideen, zieht sich Strässer wohl zurück, für Westermann kann das auch gelten, für Seinsch sowieso.

Lizenzierung war ein Drahtseilakt

Dieses Szenario ist Stand heute das wahrscheinlichste. Das personelle Vakuum wäre schon schwer zu stopfen. Das finanzielle erst recht. Schon die Lizenzierung für die laufende Saison war ein Drahtseilakt, erst Zuwendungen aus den Gremien retteten den SCP. Die allesamt neu ins Amt gekommenen Akteure betonen immer wieder, dass sie die wirtschaftlich prekäre Lage ziemlich überrascht hat. Ein Thomas Bäumer etwa, jahrelang Vorsitzender des Kontrollgremiums und Hauptsponsor mit stets offener Brieftasche, hat keinen Posten mehr inne. Auch wenn zumindest er weiter regelmäßig ins Stadion kommt.

Kleine Euphorie ausgelöst

Seinsch, der den FC Augsburg aus der vierten in die erste Liga führte und das Modell mit etlichen (bislang anonymen) Investoren gern auf Münster übertragen würde, hatte bei den Fans anfangs eine kleine Euphorie ausgelöst, war fast wie ein Messias begrüßt worden. Er ließ nie Zweifel aufkommen, dass nur eine Kapitalgesellschaft und eine moderne Arena die Existenz der Preußen sichern würden. Inzwischen hat sich der 75-Jährige weitgehend rar gemacht. Es heißt zwar aus Vereinskreisen, dass er alle Zusagen überpünktlich einhält. Doch aus reiner Liebe zum Sport dürfte auch er den SCP kaum über Wasser halten. Nicht ohne Ausgliederung und neues Stadion.

Kader-Kosten

Im Juni 2018 laufen die letzten kostspieligen Verträge im Profikader aus. Sportdirektor Malte Metzelder bekommt dann – sofern die wirtschaftliche Situation sich nicht einschneidend verbessert – die Chance auf eine Zäsur und eine neue Gehaltsstruktur. Allerdings gibt es schon jetzt nicht mehr die Top-Verdiener, die einst Zweitliga-Gehälter bekamen. Doch ob Spieler, die vor dem vergangenen Herbst kamen und Stammkräfte sind, mit reduzierten Zuwendungen einverstanden wären? Eine Gratwanderung steht allemal an, schließlich möchte niemand die sportliche Klasse teurer Akteure missen.

Wo früher Sportvorstand Carsten Gockel das Gesicht des Clubs war und alle Themen begleitete und befeuerte, fehlt nun ein Mann mit dieser Präsenz. Seinsch möchte es nicht sein, Westermann ist ein stark frequentierter Anwalt, Strässer war bislang SPD-Bundestagsabgeordneter. Bliebe Malte Metzelder. Der neue Sportchef erhält für seine umfangreiche Arbeit, bei der ihn das fleißige Vorstandsmitglied Bernhard Niewöhner aus dem Ruhestand nach Kräften unterstützt, Lob von vielen Seiten, doch er muss hinter seiner Bürotür wie einst Gockel zwei Felder beackern und ist gleichzeitig Leiter der (personell auch noch reduzierten) Geschäftsstelle. Eigentlich waren sich alle einig, zwei Positionen zu schaffen. Doch es fehlt – das Geld. Und Metzelder, dessen Bruder Christoph als Aufsichtsratsmitglied das Tagesgeschäft nicht nennenswert begleiten kann, ist kein Lautsprecher.

Imagebildung

Der Verein ist zu wenig präsent im Stadtbild, verkauft sich unter Wert – so lautet ein langjähriger Vorwurf an den SCP. Eine späte Kampagne zum 111. Geburtstag in diesem Jahr soll das ändern. In dieser stellt die Agentur Jung von Matt, für die Aufsichtsratsmitglied Christoph Metzelder als Geschäftsführer tätig ist, den Club als „Torschützenverein“ dar, konstruiert die Verbindung zur Tradition der Schützenfeste im Münsterland und bemüht sich um Selbstironie und provokante Formeln. Beispiel? „Treffen sich zwei Schützen: 2:0!“ Oder: „Hält alles. Auch Platz-Patronen.“ Ob‘s hilft?

Es ist mittlerweile fast müßig darüber zu spekulieren, warum der vor wenigen Jahren noch so stolze und für einen Drittligisten durchaus wohlhabende Club finanziell ins Schlingern geraten ist. Ob einfach Bäumers Zuschüsse fehlen, ob zu lange über die eigenen Verhältnisse gelebt wurde, ob der Deal mit Vermarkter Lagardère Fluch oder Segen war. Jede Seite hat ihre eigene Sicht.

Ausgliederungspläne

Den Zeitplan zur Auslagerung der Profi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft mussten die Verantwortlichen bereits mehrfach verschieben. Nach dem Amtsantritt der neuen Führungsmannschaft im Oktober 2016 sollte es eigentlich schnell gehen, die Ausgliederung bis zum Sommer 2017 erledigt sein. Inzwischen gilt: Gründlichkeit vor Tempo. Weitere Info-Veranstaltungen für die Fans sind in Planung. Ein konkreter Termin, um sich das Votum der Mitglieder zu holen, steht aber weiter aus. Vorgesehen ist eine GmbH & Co. KGaA. Allerdings will auch das Fanprojekt noch mitreden.

Fakt ist, dass sich etwas zusammenbraut am Preußen-Himmel, dass die Lage bedrohlicher denn je werden kann. Und dass die umtriebigen und gewissenhaften Herren um Strässer und Westermann auf Wohlwollen anderer angewiesen sind. Auf Unterstützung der Stadt (schwer vorstellbar), neuer Sponsoren (schwierig) und vor allem der Mitglieder (ein langer Weg). Es geht um nicht weniger als die Zukunft von Preußen Münster.

Stadion-Optionen

Dem Vernehmen nach will die Ratsmehrheit (CDU/Grüne) eine konkrete Fokussierung auf den Standort Hammer Straße vorantreiben. So etwas wie „den Spatz in der Hand“ eben. Die Clubführung setzt weiter überzeugt auf das Modell Neubau. Dieser ist aber nur realistisch außerhalb der Stadtgrenzen. Dort wäre der Verein jedenfalls weitaus willkommener. Eine moderne Arena ist Münster erscheint aktuell utopisch. Die vierte Variante, nach der alles bleibt, wie es ist an der jetzigen Spielstätte, würde dem Club wohl jede Zukunftsperspektive rauben. Zumindest das gilt es zu vermeiden.



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