So., 22.10.2017

Fußball: 3. Liga Jeron Al-Hazaimeh: Preußen Münsters Retter und Diplomat

Kopfball-Ungeheuer: Jeron Al-Hazaimeh (Mitte) erzielte den Ausgleich per Kopf, wie schon bei seinem 3:0 gegen Meppen – obwohl er bei Trainer Möhlmann hinterlegt hat, dass das nicht gerade seine Spezialität sei.

Kopfball-Ungeheuer: Jeron Al-Hazaimeh (Mitte) erzielte den Ausgleich per Kopf, wie schon bei seinem 3:0 gegen Meppen – obwohl er bei Trainer Möhlmann hinterlegt hat, dass das nicht gerade seine Spezialität sei. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Komisches Spielchen: Da kommen die Preußen in Halbzeit eins gegen den Karlsruher SC überhaupt nicht aus den Socken, um nach der Pause aus ihrer Lethargie aufzuwachen und zumindest einen Punkt zu retten. 1:1 hieß es nach 90 Minuten.

Von Alexander Heflik

Dann unterstrich Jeron Al-Hazaimeh, dass er durchaus auch für den diplomatischen Dienst taugt. Nur kein böses oder vorlautes Wort. Und das hörte sich so an: Er wolle der Mannschaft helfen. Es sei im Moment halt so, dass er am Ende immer noch eine Chance erhalte. Im Training werde er weiter Gas geben und den Kopf nicht hängen lassen. Worte eines Edel-Reservisten.

Ein paar Minuten zuvor hatte Al-Hazaimeh seinem SC Preußen Münster das 1:1 (0:1) im Heimspiel gegen den Karlsruher SC gerettet. Ball flach halten, wenn die Kugel oben ist, mal köpfen, treffen, weitermachen, geduldig sein. Um dann als Chef-Unterhändler aller Reservisten im Profi-Fußball zu sagen: „Jeder will von Beginn an auf dem Platz stehen. Aber die Saison ist noch lang.“ Soll heißen: seine Zeit kommt noch, kommt wieder, bald. Niemand, nicht einmal Trainer Benno Möhlmann, hätte dem langen Schlaks übel genommen, wenn er mal auf den Tisch gehauen und einen Startplatz für das nächste Auswärtsspiel beim SV Wehen Wiesbaden gefordert hätte – PR in eigener Sache halt. Zumal Münsters linke Seite mit den Herren Fabian Menig und Moritz Heinrich nicht wirklich vom Fleck kam. Mit Al-Hazaimeh, dem Mann für die letzten Minuten, sah das anders aus. Als torhungriger Außenverteidiger kam er im Sommer 2016 von SF Lotte zum SCP, beim „sich-in-die-Mannschaft-reden“ machte er nun nicht mit. Seine knappen 20 Minuten auf dem Feld, nicht nur wegen des Ausgleichstores, waren die beste Bewerbung dafür.

SCP gegen KSC war ein eigenartiges Spiel. Was die Hausherren vor der Pause ablieferten, das war beseeltes Phlegma, alles viel zu passiv, keiner übernahm Verantwortung, jeder wartete und wartete. Die Zweikampfquote war im Keller, die Passwerte auch, ein Kopfball von Abwehrchef Sebastian Mai war die einzige Chance. Allenfalls in der Deckung funktionierte noch was, doch in der Offensive boten sich alle für einen Wechsel zur Pause an, Münsters System mit nur einer Spitze funktionierte nicht. Das hatte mit 3. Liga mal gar nichts zu tun. Zum Glück, und das war das Paradoxe, war der 0:1-Rückstand durch Jonas Föhrenbach (24.) ein Weckruf.

Ganz langsam nahm der SCP nach dem Rückstand Fahrt auf, und aus dem „Rückchen“ wurde ein Ruck, als Tobias Rühle als neuer Stürmer in einer nun riskanteren Taktik nach der Pause das Spielfeld betrat. Er hauchte seinen Mitspielern neue Lebensgeister ein. Wo eine Fußball-Wand mit KSC-Akteuren stand, wollte er diese einreißen. „Tunnelblick“ nannte er das später. Wütende Dribblings, halsbrecherische Zweikämpfe und eine Privatfehde mit Karlsruhes Trainer Alois Schwartz salzten die Suppe.

Rühle schimpfte, wann immer er an der Coaching-Zone von Schwartz vorbeihuschte. Er stand unter Strom. Fast schon logisch, dass Rühle den Ausgleich nach 78 Minuten vorbereitete, da hatte Münster längst die Regie übernommen – zwar nicht ein Füllhorn an Chancen verbucht, aber den Gegner eingeschnürt. Die Adlerträger, und das war positiv, hatten sich selbst aus dem Tief gezogen, und nicht nach dem 0:1 kapituliert. Und Rühle rannte schnurstracks zu Schwartz nach dem 1:1, während seine Teamkollegen sich andernorts in den Armen lagen. „Er hat mich beleidigt, ein Trainer sollte das nicht machen. Aber ich sollte auch nicht so reagieren, wie ich es getan habe“, meinte Rühle, immer noch von einer Erkältung gezeichnet, später. Was er denn zu hören bekommen habe, wollte Schwartz in der Pressekonferenz nicht so recht beantworten. „Er hat mich begrüßt. Wir kommen aus derselben Region“, sagte der KSC-Coach schmunzelnd. Austausch in Mundart. Freunde fürs Leben. Oder auch nicht.

Wer Rühles aufgekratzten Auftritt gesehen hatte, der wusste, dass das nichts mit Diplomatie und Knigge zu tun hatte. Dafür war ein anderer an diesem Tag zuständig: Torschütze und SCP-Retter Jeron Al-Hazaimeh. Man sieht sich, in der Startelf, ganz bestimmt.



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