Interview: Lutz Rathenow ist ein gefragter Zeitzeuge
STEINFURT Insgesamt 15 Termine in sieben Tagen absolvierte Schriftsteller Lutz Rathenow im Münsterland, las unter anderem in Burgsteinfurt, Borghorst, Horstmar und Metelen. Im Gespräch mit Redakteur Peter Umlauf zieht er Bilanz.
Nicht nur diesen Kalender von Lutz Rathenow (Mitte) empfiehlt Engelbert Glock, der gemeinsam mit Dr. Barbara Herrmann die Lesereise des Autors organisierte
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Lutz Rathenow: Nein, das wäre mir auch langweilig geworden und hätte zudem die Ansprüche eines sehr unterschiedlichen Publikums nicht erfüllen können.
Können Sie Ihr Publikum der vergangenen sieben Tage beschreiben?
Rathenow: Ich habe drei Kategorien erlebt. Da sind zum einen die Schulkinder der Klassen eins bis fünf, sie erreicht man mit Bild gestützten Botschaften, da habe ich gelesen aus „Ein Eisbär aus Apolda“. Dann kommen die Jugendlichen der Klassen neun bis 13, denen ich zum Beispiel aus meinem Lebensabschnitt als Grenzsoldat berichtete. Dieser autobiographische Hintergrund führt nicht unbedingt zu einer Identifikation, wird aber als Gesprächsanlass gerne angenommen. Diese Altersgruppe fragt zum Beispiel danach, wie ich mit negativer Kritik umgehe, oder wie viel Mehrwertststeuer ich zahle. Ich habe die Schüler immer sehr konzentriert erlebt – unabhängig von der Schulform.
Rathenow: Das waren die Abendlesungen vor Erwachsenen. Da gab es – sicher auch bedingt durch den 20. Jahrestag des Mauerfalls – Nachfragen zu politischen Hintergründen. Das Bedürfnis nach Informationen von einem Schriftsteller und Zeitzeugen war groß. Meine Zuschauer wollten einmal etwas anderes hören als die Jubelarien von Politikern und die Berichterstattung der Medien. Größer als der Ost-West-Gegensatz zum Beispiel wird der Ost-Ost-Gegensatz, wenn sich ein Offizier und ein Oppositioneller aus der DDR auseinandersetzen müssen.
Gab es auch Nachfragen literarischer Art zu ihren Werken?
Rathenow: Ja, zu meiner Überraschung gab es viel Interesse an dem Gedichtband „Gelächter, sortiert“, der auch an den Büchertischen besonders gut umgesetzt wurde. Speziell in Metelen verfolgten die Zuhörer meine Lyrik sehr intensiv, was mich ungemein freut.
Wie war der Kontakt zu den Buchhändlern vor Ort?
Rathenow: Hevorragend, ich habe an allen Orten ein großes Engagement an den Büchertischen bei meinen Lesungen sehen können. Vielleicht wird der eine oder andere Buchhändler jetzt überhaupt oder verstärkt Rathenow ordern, wenn die Verlagsvertreter kommen.
Welche Eindrücke nimmt ein Schriftsteller mit DDR-Biographie, wohnhaft in Berlin, von einer Lesereise aus der westfälischen Provinz mit?
Rathenow: Eine große, warmherzige Gastfreundschaft, zum Beispiel. Den kalten Wessie, der nur materiell interessiert ist, habe ich hier nicht erlebt. Und ich konnte beobachten, dass auch der Westen Strukturprobleme hat – nicht nur die neuen Bundesländer. Im Unterschied zu meinem persönlichen Alltagsleben in Berlin fiel mir auf, dass auf dem Land zwangsläufig viel Auto gefahren wird: Die Entfernungen zwischen den Orten sind einfach zu groß. Ich benutze in der Hauptstadt Bus und Bahn, gehe aber zwischendurch gerne und viel zu Fuß.
Was bleibt haften von unserer Region, wenn Sie jetzt nach Berlin zurückkehren und danach wieder auf Lesetour gehen?
Rathenow: Unter anderem der Wunsch, in vielleicht anderthalb Jahren noch einmal wiederzukommen. Manche Eindrücke bilden sich ja erst später im Nachhinein. Sie schlagen sich dann möglicherweise in Tagesglossen nieder, die ich für verschiedene Zeitungen schreibe.













