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Medienhaus Lensing
24.06.2010 18:48 Uhr
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Befreiung von den Wiedertäufern: Als Münster vor dem Untergang stand

MÜNSTER Die Zeichen für Münsters Untergang hängen noch heute in der Innenstadt. Wer zwischen Designer-Geschäften, Cafés und Blumenständen auf dem Prinzipalmarkt den Blick nach oben richtet, entdeckt an der Lambertikirche drei eiserne Käfige. Sie erinnern an die blutige Eroberung Münsters. Am 25. Juni vor 475 Jahren endete eines der dunkelsten Kapitel der Stadt.dpa

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Einer der Wiedertäufer-Käfige am Kirchturm von St. Lamberti. Hier wurden die Aufständigen als Mahnmal eingesperrt und vorgezeigt. (Foto: Sabrina Becker)

„Mit glühenden Zangen foltern und anschließend erdolchen“ hieß das Urteil gegen drei Anführer der Wiedertäufer, die Münster vom Februar 1534 bis Juni 1535 regierten. Zur Abschreckung hängte man die Leichen von Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting in die Käfige hoch oben über der Stadt. Besucher hätten noch Jahrzehnte später von den blanken Knochen am Kirchturm berichtet, sagt Gerd Dethlefs, Historiker am Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Münster.

Warum die Wiedertäufer Fuß fassen konnten

Seuchen in der Stadt, eine Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit in den Niederlanden und die Spaltung der Stadt durch die Reformation: Nur so kann sich Dethlefs erklären, wie die Wiedertäufer in Münster Fuß fassen konnten. „Die Münsteraner fühlten die schwere Krise“, sagt der Historiker. „Deshalb waren die Bürger für radikale Lösungen offen.“

Die Wiedertäufer – eine Abspaltung der Reformationsbewegung – waren so eine radikale Lösung. Sie erklärten die Taufe als Kind für ungültig und tauften sich deshalb im Erwachsenenalter erneut. Darauf stand nach den damaligen Gesetzen jedoch die Todesstrafe. Mit dem Eintreffen des Niederländers Jan Matthys im Februar 1534 begann die Schreckensherrschaft der Täufer in Münster.

Wer sich nicht noch mal taufen ließ, wurde verjagt

Die Stadt isolierte sich damit komplett von ihrem Bischof Franz von Waldeck und dem Rest des Reiches. „Wer sich nicht taufen lassen wollte, wurde aus der Stadt gejagt“, sagt Dethlefs. Kirchen wurden geplündert, ein Gotteshaus sogar komplett abgerissen. Es gab Bücherverbrennungen, das Geld wurde abgeschafft.

Dabei waren die Täufer sehr bibelgläubige Christen, erklärt der münstersche Theologe Jörg Trelenberg: „Die entscheidenden Ereignisse in den Monaten der Täuferherrschaft sind nichts anderes ein Nachspielen von Ereignissen in der Bibel.“ Nicht umsonst bezeichneten die Täufer Münster als „Neues Jerusalem“ und ihren späteren Anführer Jan van Leiden als „König von Münster“.

Matthys sagte den Weltuntergang vorher

Nahezu zeitgleich mit den Plünderungen begannen Soldaten des Bischofs, die Stadt zu belagern. Jan Matthys, der sich selbst als Prophet bezeichnete, sagte für Ostern 1534 den Weltuntergang vorher. „Gottes Gericht sollte die Täufer befreien und alle Nicht-Getauften bestrafen“, erklärt Dethlefs. Als der erwartete Weltuntergang zu Ostern ausblieb, brachte Matthys sich um.

Neue Anführer wurden Jan van Leiden und sein Stellvertreter Bernd Knipperdolling. „Diese konnten in den folgenden Monaten mehrere Angriffe der Belagerer auf Münster abwehren“, erzählt der Historiker. „Deshalb beschloss der Bischof schließlich, die Stadt auszuhungern.“

Rettung durch ein Loch in der Stadtmauer

Eine Hungersnot im Jahr 1535 war die Folge. Die Lage spitzte sich zu - bis schließlich ein Schreiner und ein Söldner die Stadt an die Angreifer verrieten. Durch ein Loch in der Stadtmauer konnten so in der Nacht zum 25. Juni 1535 fünfhundert bischöfliche Soldaten in die Stadt eindringen und die Herrschaft der Täufer beenden.

Die Knochen von Knipperdolling und Co. liegen 475 Jahre später nicht mehr in den Käfigen am Lamberti-Kirchturm – nur drei Lichter brennen nachts als Erinnerung an Münster dunkle Stunde.

 


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