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Medienhaus Lensing
30.04.2010 18:43 Uhr
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Serie: 65 Jahre nach dem Krieg: Helga Frerichs wurde in Münster ausgebombt - und überlebte

MÜNSTER Din A4-Papier mit roten Linien, darauf kleine Buchstaben, dicht aneinander gereiht: Helga Frerichs hat all ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Doch ans Manuskript hält sich die 82-Jährige nicht, wenn sie von jenen Tagen im April und Mai 1945 erzählt. Da ist so viel, das sie gesehen, aber bislang nicht ausgesprochen hat.Von Felix Guth

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Das Bild zeigt Helga Frerichs (r.) im Jahr 1947 mit ihrer jüngsten Schwester Edda und Mutter Anna. (Foto: pd)

Wenn die Erinnerungs-Blitze kommen, ist das Helga Frerichs anzusehen. Die Augen wandern suchend, die Stimme schleift für wenige Sekunden auf einem Ton. Die Farbe des Puppenwagens, das Gewicht des Schreibtischs, der Akzent des britischen Soldaten. „Und dann war es ja so... aber dazu komme ich später nochmal.“

Sie ist ein junges Mädchen, nicht einmal 16, als die letzten Kriegstage wieder alles verändern. Das Elternhaus in der Zumbrookstraße in Münster ist längst nur noch eine Ruine, die Familie in Lengerich evakuiert. „Wir wohnten über einem Arbeitslager für Häftlinge auf einem Dachboden“, erzählt die 82-Jährige.

"Die haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat"

Die Erlebnisse vom 13. April 1945 beginnen wie eine harmlose Geschichte. „Wir hatten Besuch bekommen und ich sollte zum Metzger fahren. Schauen, ob es Fleisch gibt.“ Auf dem Rückweg fallen Bomben. Die Druckwelle einer Luftmine schleudert sie gegen eine Wand, drei Splitter bohren sich in ihren Kopf. Sie überlebt nur, weil ein Häftling sie in einen Erdbunker rettet. Ohne Narkose werden die Splitter entfernt, das verletzte Mädchen muss sich auf dem Weg zum Krankenhaus vor Tieffliegern verstecken. „Die haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat.“

Ihr Leben war täglich in Gefahr und darüber zu reden, kostet Kraft. Bevor sie weitererzählt, stellt sie die Lehne ihres Sessels aufrecht. An dem Glas Wasser vor ihr nippt sie nur kurz. Keine Zeit für Stopps auf der Zeitreise.

Immer wieder unter den Zug

Das kleine Exil in Lengerich ist zerstört, die Familie muss weiterziehen. Durch Kontakte des Vaters, einem Eisenbahner in Parteidiensten, gelingt die Flucht nach Sulingen in Niedersachsen – unter Beschuss drei Tage durchs Emsland. „Unter den Zug, immer wieder unter den Zug“, sagt Frerichs und stößt einen schweren Seufzer aus. Schon der jungen Helga ist in diesem Moment klar: Dieser Krieg kann nicht mehr lange dauern. „Die feindlichen Truppen kamen ja von allen Seiten, das wussten wir.“

Die Angst bleibt. Die Angst vor dem Feind. „Das wurde uns so eingeprägt.“ Als die britischen Soldaten Anfang Mai im ländlichen Sulingen einrücken, ist das kein Gefühl von Befreiung. „Es gab die Sperrstunde und immer die Sorge, dass man weggesperrt wird.“ Dazu Plünderungen, Vergewaltigungen, Gewalt.

Der Versuch, ein Stück Normalität zurückzubringen

Es ist Helga Frerichs Mutter Anna, die versucht, ein Stück Normalität ins Leben zu bringen. Auch wenn das wieder eine gefährliche Reise bedeutet. Knapp 200 Kilometer von Sulingen nach Münster, wo die Familie die wenigen persönlichen Sachen gelagert hatte, die geblieben waren. „Meine Mutter ist durch den Krieg selbstständiger geworden“, erzählt Helga Frerichs und blickt mit einem Glänzen in den Augen auf ein Foto.

Ihre Mutter sorgte dafür, dass bei ihr nicht nur schlechte Erinnerungen an die Zeit blieben, in der sie erwachsen wurde. „Wir hatten ein Lied auf den Lippen, als wir uns nach Münster aufgemacht haben. Und es gab so viele kleine Glücksmomente, etwa wenn man alte Schulkameraden lebend wieder getroffen hat.“

Helga Frerichs - heute klingt sie befreit

Der Besuch bei der alten Dame ist wie eine Reise auf einem schwankenden Schiff. Es wackelt, die Richtung gerät kurzzeitig aus dem Blick – doch man erreicht sein Ziel. Der letzte Klang bleibt im Ohr: Nach zwei Stunden voller Geschichten von Angst, Flucht und Tod lacht Helga Frerichs. Sie wirkt befreit.




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