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Medienhaus Lensing
25.01.2008 22:59 Uhr
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Onkel Willy: Steppenwolf mit Laube

MÜNSTER Jedes graue Haar, das unter seinem alten Hut hervorschaut, erzählt eine Geschichte. Gerne berichtet Onkel Willy von seinen Reisen um die Welt, von seinem Leben als Musikreisender und „Steppenwolf“, wie er sagt.Tobias Winkler

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"Blowin' in the wind": Der Wind in den ergrauten Haaren erinnert an seine rastlose Zeit. Nun ist Onkel Willy seit 30 Jahren sesshaft in Münster, seit 15 Jahren macht er Musik am angestammten Platz vor dem Friedenssaal. (Foto: Winkler)

Ein Straßenmusiker, der mehr sieht, als viele ihm zutrauen. Die gutbürgerliche Stube Münster ist seit 30 Jahren sein Revier. Normalerweise sitzt der 64-Jährige jeden Mittwoch und Samstag an seinem Stammplatz vor dem Rathaus am Prinzipalmarkt. Inbrünstig bläst er in seine Mundharmonika, singt Songs alter Musik-Ikonen.

Leben für Bob Dylan

Aber eigentlich ist es immer wieder nur einer: Bob Dylan – gespielt auf einer alten Folk-Mandoline. Willy liebt und lebt Dylan. Ein Lächeln zieht sich unter dem langen Bart durch sein Gesicht: „Er ist der Vater aller Straßenmusiker.“

Über einen alten Lederstiefel hat er einen Schellenkranz gestülpt. Mit dem anderen Fuß schlägt er eine Trommel. Er ist mit vollem Einsatz dabei. Ehe man sich versieht, bildet sich eine Traube von Zuhörern. Dylans „Blowin’ in the wind“ ist für Onkel Willy mehr als Touristenunterhaltung. Viele Jahre lebte er rastlos reisend, vom Winde verweht: „Das waren die post-revolutionären 70er Jahre.“

Geboren als Sohn eines Arztes wächst er in Berlin auf, macht Abitur und studiert. Als Tontechniker startet er beim Rundfunk. „Dort war ich nur ein Rädchen im Getriebe“, sagt er, „das war nichts für mich.“ Damals hieß er noch Klaus Reinhardt und spielte Jazz.
Dann machte er sich auf große Reise, entdeckte „auf den Spuren der Beatles“ Indien und die USA. Zehnmal war er in Übersee – bis John Lennon erschossen wurde. Onkel Willy: „Ich saß gerade im Flieger über New York. Danach war ich nie wieder drüben. Der Mord an Lennon galt auch mir – musikalisch gesehen.“

1976 die Wiedergeburt als „Onkel Willy“. Stolz blättert er in einem zerfledderten Fotoalbum, zeigt auf ein blaues „Fridolin“-Postauto. Viele Jahre wohnte er darin, 1978 kam er damit nach Münster. Bis heute ist er Junggeselle: „Die meisten Musiker-Kollegen hatten nur Kohle, Ruhm und Weiber im Sinn. Mir ging’s um Inhalte und spirituelle Stabilität.“ In Münster hatte er es schwer. Bis Ex-Oberbürgermeisterin Marion Töns ihm vor 15 Jahren die Lizenz des Hofbarden auf dem „besten Platz am Ort“ erteilte, direkt vor dem Friedenssaal.

Löcheriges Sakko

Mit einem wolligen Mantel bedeckt, löcherigem Cordsakko, schneeweißem Schal und buntem Halstuch sitzt Willy dort in der Kälte. Er ist sichtlich zufrieden, raucht in den Pausen eine Zigarette und beobachtet die Menschen. Besonders freut er sich über neugierige Kinderaugen.

Reich macht Onkel Willy die Musik nicht, aber er komme aus: „Ich habe mich immer gegen den Konsumterror gewehrt.“ Seine Vielseitigkeit habe oft die Gefahr geboten, sich zu verlieren. Aber nach wilden Jahren ist der „Steppenwolf“ angekommen. „Ich gehöre nach Münster. Hier werde ich als Musiker akzeptiert“, sagt er. Für diesen Tag spielt er den letzten Song, sammelt die Münzen aus dem Koffer und fährt mit seinem alten Hollandrad nach Hause, zu einer Gartenlaube vor den Toren der Stadt.



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