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Medienhaus Lensing
30.04.2010 10:46 Uhr
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Serie: 65 Jahre nach dem Krieg: Vom Glück, einfach nur zu überleben

MÜNSTER Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist der Vater von Annemirl Spitz bereits sechs Jahre tot. Ihre Mutter hat keinen Beruf erlernt. Sie muss eisern sparen, um Annemirl und ihren Bruder zu ernähren.Von Caterina Metje

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Annemirl Spitz überlebte im Luftschutzraum. (Foto: Metje)

Umso unbeirrbarer klammert sie sich an ihr Haus am Hohenzollernring: „Wir können das Haus nicht verlassen. Das ist das Einzige, was wir haben.“ Die Familie kann sich auch in den letzten Kriegsmonaten nicht entscheiden, Münster den Rücken zu kehren.

Annemirl und ihre Angehörigen haben Glück: Im Luftschutzraum überleben sie die Bombenangriffe. Das Wohnhaus jedoch wird im Februar 1945 völlig zerstört und erst 1961 wieder aufgebaut. Annemirl Spitz, die noch heute am Hohenzollernring wohnt und in ihrem Garten Bäume aus der Kriegszeit pflegt, hat noch sehr lebendige Erinnerungen an das letzte Kriegsjahr.

Erst ein Trick verhalf ihr zur Abitur-Zulassung


Im Juli 1944 besucht das junge Mädchen das Marienlyzeum, sie will einmal Medizin studieren wie der Vater. Doch die katholische Familie lehnt den Bund Deutscher Mädel ab. Um trotzdem zum Abitur zugelassen zu werden, absolviert die Schülerin einen Kurs beim Gesundheitsdienst.

Aber mit Gesundheit haben die Arbeiten auf dem Handorfer Flugplatz, zu denen sie gemeinsam mit anderen Schülern und Handwerkslehrlingen herangezogen wird, wenig zu tun; die Jugendlichen schließen Bombenlöcher in den Rollbahnen und befestigen neue Leuchtspurmunition an den Nachtjägern.

Feindliche Flugzeuge

Die Gefahr ist allgegenwärtig: Feindliche Flugzeuge schießen gezielt auf Zivilisten auf der Straße. Mehrfach wird das Haus durch Munition beschädigt. Der Bruder hantiert als Artilleriebeobachter auf dem Dachboden mit feuergefährlichen Filmen. Einmal brennt der Dachstuhl.

„Ich habe nie damit gerechnet, dass wir den Krieg hier unbeschadet überstehen“, erinnert sich Annemirl Spitz heute. Doch bis Januar 1945 geht alles gut; erst im Februar macht eine Bombe das Haus der Familie Spitz dem Erdboden gleich. „Für meine Mutter war das ganz schlimm. Wir kamen dann erst bei meiner Schulfreundin im Lokal Getrudenhof unter, später dann bei meinem Onkel in der Emsstraße.“ Freundliche jugoslawische Kriegsgefangene helfen der Familie, den Trümmerhaufen abzutragen.

Die Hakenkreuzfahne diente als Rohstoff für einen Rock

Bis heute hütet Annemirl Spitz Dinge, die sie aus dem Schutt im Keller retten konnte: Teppiche, Meißner Porzellan, ein Fotoalbum. Die Hakenkreuzfahne, die nie aufgehängt worden war und ebenfalls unbeschädigt geblieben ist, dient später als Rohstoff für einen Rock.

„Wann genau Schluss war, kann ich nicht sagen. Wir haben vor Ostern gemerkt, dass nicht mehr viel passierte“, resümiert die alte Dame: „Es wurden keine Bomben mehr abgeworfen. Die Amerikaner kamen über die Steinfurter und Grevener Straße rein, wir hörten Schüsse.“

Am Karsamstag verließ mit der Poliz ei das angeblich letzte deutsche Auto die Stadt. Hinter sich sprengten die Polizisten eine Brücke nahe der Emsstraße. Die Wucht der Detonation schleuderte die Drahtglasscheiben aus dem Haus des Onkels. Doch auch im engen und stickigen Bunker halten die junge Frau und ihre Mutter es nicht mehr lange aus. Sie erwarten die amerikanischen Soldaten im Haus des Onkels. Höflich seien die Besatzer gewesen; die Schülerin kann sich mit den Soldaten auf Englisch verständigen.

Ein Flakhelfer lag tagelang tot am Kanal

Annemirl Spitz erinnert sich, dass ein Flakhelfer tagelang tot am Kanal lag: „Die Amerikaner haben verboten, ihn zu beerdigen, vermutlich zur Abschreckung.“ Trotz derart schrecklicher Bilder war die Münsteranerin sehr erleichtert über das Ende des Krieges: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn Tag und Nacht Bomben fallen. Das zermürbt. Schlimmer als im Krieg konnte es nicht mehr kommen.“ 


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