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Medienhaus Lensing
07.05.2010 12:11 Uhr
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Serie: 65 Jahre nach dem Krieg: Wie Ursula Weitkamp damit umging, ihr Zuhause zu verlieren

MÜNSTER Dreck und bloß ein Häufchen Schutt ist von dem geblieben, was Ursula Weitkamp einmal besessen hat. Am 30. September 1944 begruben die Bomben der Engländer ihre Kindheit, ihre Gegenwart und all die Dinge, die sie geliebt hat, unter den Trümmern des Elternhauses. Von Sabrina Becker

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Eines der wenigen Fotos, die den Krieg überstanden haben. Es zeigt Ursula Weitkamp 1939 im Garten des Elternhaus an der Gartenstraße 74, das später völlig zerstört wurde. (Foto: prf)

Gartenstraße 74, dort stand das Haus ihrer Kindheit bislang. Und plötzlich war alles, was der damals 17-Jährigen blieb, das, was sie am Körper trug – und ihre Zukunft. Doch die ist heute noch geprägt von dem, was Ursula Weitkamp in den Jahres des Zweiten Weltkrieg in Münster erlebte.

Als sie von dem Tag, an dem alles zerstört wurde, erzählen will, bricht sie in Tränen aus, nur kurz, denn sie hat schon viele Tränen geweint, aber sie kann nicht anders. Es ist das Gefühl, das niemand versteht, der nicht Ähnliches erlebt hat. „Und das“, sagt Ursula Weitkamp, „wünsche ich keinem.“

Leben im Bunker

Als die Bomben am 30. September fielen, hatte sich die Münsteranerin mit ihrer Mutter im Lotharinger Bunker versteckt. „Wir hatten dort ein Bett. Wir waren ja öfter im Bunker als in unserem Haus“, erzählt sie. Die Nachbarskinder spielten dort. Sie habe meistens gestrickt. „Wir ribbelten Zuckersäcke auf.

Aus den Fäden strickte ich Socken und Pullover, die kratzten wie der Teufel, aber wir hatten wenigstens etwas.“ Doch so häufig die Sirenen auch heulten, ihre Mutter sei in den ersten Minuten nie fähig gewesen aufzustehen, so sehr habe sie gezittert. Dann musste die Tochter das Notwendigste zusammenraffen und mit der Mutter zum Bunker rennen.

15 Minuten endloser Weg

„15 Minuten dauerte der Weg mindestens“, sagt Weitkamp. Als sie an jenem 30. September den Bunker verließen, hörten sie schon von den Menschen auf der Straße, dass diesmal das Viertel getroffen wurde. Von den Häusern 74, 76, 78 und 80 an der Gartenstraße war nichts geblieben, viele Nachbarn waren tot.

Die Engländer hatten wohl den gegenüberliegenden Schlachthof treffen wollen. „Ich habe nur noch gebrüllt, als ich den Schutthaufen, der einmal unser Haus war, sah“, sagt Weitkamp. „Mit einem Mal war alles aus. Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum?“ Ursula Weitkamp und ihre Mutter kamen zunächst in einer Notunterkunft unter.

"Die Flieger kamen immer tiefer"

Kurze Zeit später kehrte der Vater verletzt aus den Krieg zurück. Noch im Oktober zogen die Eltern in eine Wohnung am Vinzenzweg – und blieben dort bis zu ihrem Tod in den 60er Jahren. Die Tochter kam mit Arbeitskolleginnen aus der Stadtverwaltung in Wolbeck unter.

Der Krieg ging weiter. Eines Nachmittags, als Mutter und Tochter mit dem Fahrrad aus Wolbeck rausfuhren, hörten sie Flugzeuge über sich. „Die Flieger kamen immer tiefer. Sie schossen auf uns. Zwei Frauen auf freiem Feld. Zum Glück konnten wir uns in einen Graben retten – und irgendwann hörten die Einschläge auf.“

Und dann war der Krieg zu Ende

Es war nicht das letzte Mal, dass Ursula Weitkamp um ihr Leben fürchtete. In der Nacht des letzten Bombenangriffs auf Münster rannte sie aus dem Keller einer Kirche durch das Feuergefecht nach Hause. „Ich hatte meinen Ausweis oder irgendwas anderes vergessen, aber ich wollte es unbedingt holen. Das war großer Leichtsinn“, sagt sie. Dann war der Krieg zu Ende.

Doch die Angst blieb. Es war die Angst vor den amerikanischen Soldaten, davor, „dass sie mir Gewalt antaten oder mich vergewaltigten“, erklärt Ursula Weitkamp. Als Soldaten sie im Sommer 1945 kurz nach der Sperrstunde auf dem Fahrrad kontrollierten, musste sie zur Strafe, weil sie ihren Ausweis vergessen hatte, einen Tag lang Kartoffeln schälen.

Küchendienst als Strafe

„Ich habe vor Angst ununterbrochen am ganzen Körper gezittert.“ Vergessen hat Ursula Weitkamp all das nie – und das wird sich auch heute an ihrem 83. Geburtstag nicht ändern.




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