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Medienhaus Lensing
30.04.2010 10:00 Uhr
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Serie: 65 Jahre nach dem Krieg: Wilhelm Stein sah, wie es grau über Münster wurde

MÜNSTER Dieses Bild vom Himmel am Palmsonntag 1945 hat sich ins Gedächtnis von Wilhelm Stein eingebrannt. Er war zehn Jahre alt und sah von Nordwalde aus, wie am Horizont im Süden der Rauch den Himmel verdunkelte. Münster hatte gerade den schwersten – und letzten – Bombenangriff des Krieges erlebt.Von Tobias Weckenbrock

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Wilhelm Stein erinnert sich an das Kriegsende. (Foto: Weckenbrock)

„Man kennt diese Bilder vom Abwurf der Atombombe über Hiroshima – genauso sah der Rauchpilz über Münster aus“, sagt Wilhelm Stein heute, 65 Jahre später. Er wohnt zwischen der Innenstadt und Coerde, die Sonne scheint vom azurblauen Himmel über das ruhige Wohnviertel an der Lauenburgstraße. Wenn sie damals auch geschienen hat, dann hätte sie in Münster niemand gesehen. Über der Stadt war es grau, nur grau.

Wilhelm Stein sah dieses Grau aus der Entfernung, etwa 21 Kilometer nordwestlich. „Ich kann mich an die Erschütterungen erinnern“, sagt er. „Es war kein richtiges Erdbeben, aber man spürte es doch unter den Füßen, wie Münster zusammenbrach.“
Es war Palmsonntag, eine Woche vor Ostern, der 25. März. Wilhelm Stein war mit seiner Mutter Anna und seinem Bruder Rolf seit Monaten bei einem Onkel in Nordwalde untergekommen.

Leergefegte Straßen

Seinen Vater hatte er schon seit 1943 nicht mehr gesehen – er lag mit einem Schiff im Skagerrak vor Norwegen. Nur ab und zu fuhr der Junge mit seiner Mutter mit dem Zug nach Hause, nach Münster, um nach der Wohnung im Sechs-Parteien-Haus an der Beckhofstraße zu sehen – einer Straße im Erphoviertel, die wie leergefegt war in jenen Wochen.

Er verbrachte diese Wochen in der Einflugschneise der Kampfgeschwader, die Münster bombardieren sollten. Immer kamen sie von Norden. Auch an jenem Palmsonntag, als er war gerade im Gottesdienst war. Über Nordwalde verdunkelten Bomber den Himmel. Stein sah das Geschwader, und es war viel größer als die anderen zuvor. „Wir wussten, dass diese Bomber Münster den Garaus machen sollten.“

Rauch und Schutt

Sie taten es, aus der prachtvollen Bausubstanz der Stadt wurde Rauch und Schutt. Fünf Tage später, am Karfreitag, zogen hunderte deutsche Soldaten durch Nordwalde. Der kleine Wilhelm sah erstmals einen dieser riesigen Panzer. „Ich war fasziniert. Er war höher als die Apfelbäume.“ Zwei Tage später kamen die Amerikaner. Erst ein Spähtrupp, den er durch die Rollläden beobachtete. Dann folgten hunderte, tausende weiterer Soldaten.

Drei Tage später verließ Familie Stein Nordwalde. Der Bombenhagel auf Westfalen war vorbei. Zu Fuß ging es die Schienen entlang nach Münster. Die Stadt lag in Trümmern, die Beckhofstraße aber war fast unversehrt. Nur die Fensterscheiben waren zerborsten, die Wohnungstür stand offen.

Spiele in den Trümmern

Die Kinder spielten in den Trümmern. Ein paar Wochen später, am 8. Mai, rieselten Blätter aus Flugzeugen über Münster herab. Kapitulation. Berlin ist gefallen. Der Krieg ist zu Ende. „Abends“, erinnert sich Stein, „gab es ein großes Fest auf der Ostmarkstraße.“ Amerikanische und britische Soldaten feierten mit den Münsteranern.

Über die Ostmarkstraße zog eine Truppenparade. Stein sah von der Erphokirche aus zu. Er sah hunderte Soldaten. In einem schwer bewaffneten Jeep mitten in der Parade fuhr Feldmarschall Bernard Montgomery, Oberbefehlshaber der britischen Invasionsarmee. An einer Straßenlaterne baumelte eine Hitlerbüste.
 


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