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Medienhaus Lensing
27.02.2009 14:01 Uhr
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Sorge um Kinderhaus: 685 Wohnungen verfallen

KINDERHAUS Im Hausflur liegt der Dreck mehrerer Monate. Im Treppenhaus stinkt es wie auf dem Bahnhofsklo. Die Farbe an Fensterrahmen und Fassaden blättert. Das Haus ist vollkommen herunter gekommen. Kaum vorstellbar, dass hier Menschen wohnen.Stephan Oerter

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Sie sorgen sich um die Schleife und um Kinderhaus: Lothar Esser (l.) und Thomas Kollmann. (Foto: Oerter)

Das Haus, es steht mitten in Kinderhaus. Und es ist nicht das einzige hier, das in einem derart erbärmlichen Zustand ist. "Wenn das hier so weitergeht", sagt Thomas Kollmann, "ist der Niedergang des Viertels vorprogrammiert".

Ganzer Stadtteil betroffen

Thomas Kollmann, Leiter des Begegnungszentrums Sprickmannstraße (BGZ), macht sich große Sorgen um das Quartier. "Sorgen um Kinderhaus", sagt er. Denn "wenn das hier den Bach runter geht, ist der ganze Stadtteil betroffen".

Das Quartier, die so genannte Nordwestschleife, hat zwei Gesichter. Das eine: gepflegte, hübsch renovierte Häuser, in denen alle Wohnungen vermietet sind. Diese Häuser gehören Sahle, der Wohn + Stadtbau und Wohn-Sieger. Das andere Gesicht: Herunter gekommene Häuser mit hoher Mieterfluktuation, vielen Leerständen. Es sind jene Häuser, die den Investmentfirmen Babcock + Brown (Australien) und Nau Real Estate Group (Spanien/Berlin gehören). Beide Eigentümer, sagt Lothar Esser, der Vorsitzende des Fördervereins BGZ, haben, abgesehen vielleicht von den allernötigsten Reparaturen, seit Monaten nichts mehr in ihren Wohnungsbestand investiert - sofern sie es denn jemals getan haben. Fatal: Nau (55 Wohnungen) und Babcock + Brown (rund 630) gehören mehr als zwei Drittel des Wohnungsbestandes in der Schleife. 685 verfallende Wohnungen - eine Dimension, die in NRW aktuell ohne Beispiel ist.

Investoren stehen unter Druck

Dass beide Unternehmen kein Geld in ihren Besitz stecken, wundert nicht. Denn beide Investoren sind durch die Finanzkrise stark unter Druck geraten. Babcock + Brown, vermeldet das Handelsblatt Ende November, stecke mit 3,1 Milliarden australischen Dollar Verbindlichkeiten "knietief in den Schulden".

Vor zwei Wochen ist im selben Fachblatt zu lesen, dass die Kapitalgeber Babcock + Brown nun zwingen würden, "ihr Portfolio an Vermögenswerten im Bahn-, Immobilien- und Energiesektor abzustoßen, um in den kommenden zwei Jahren ein Drittel ihrer Verbindlichkeiten zurückzuzahlen". 

Droht nun ein erneuter Verkauf jener 630 Wohnungen, die der australische Investor vor dreieinhalb Jahren von der Wohnungsgesellschaft Münsterland erworben hat? "Wir haben davon gehört", sagt Gabriele Regenitter, die Leiterin des städtischen Amtes für Wohnungswesen, "aber wir wissen es nicht". Deshalb habe man Babcock + Brown angeschrieben, um "authentische Informationen zu bekommen".

Beispiel Bremen

Die wird Regenitter wohl nicht bekommen. Genauso wenig, wie Joachim Barloschky sie auf seine Anfrage aus dem vergangenen Sommer bekommen hat. Barloschky leitet die Projektgruppe Tenever in Bremen. Auch hier besitzt Babcock + Brown Wohnungen. Mit 192 an der Zahl zwar nicht so viele wie in Kinderhaus. Doch deren Zustand ist genauso miserabel. Barloschky spricht von einer "dramatisch zu nennenden Verschlechterung der Wohnsituation" und vom "Monopoly Spielen mit dem Menschenrecht auf Wohnen".

Anzeichen dafür, dass Babcock + Brown sich von seinem Immobilienbesitz trennen wird, gibt es in Bremen offenbar. Die Firma Krüger-Immobilien, ein Tochterunternehmen der Barg-Group, die wiederum an Babcock + Brown beteiligt ist, hat sich dort bereits aus der Wohnungsverwaltung zurückgezogen. Und auch in Kinderhaus, so ist zu hören, seien die Krüger-Mitarbeiter "auf dem Absprung".

Mieter zahlen keine Miete

In Bremen-Tenever zahlen viele Babcock-Mieter mittlerweile keine Miete mehr. Doch selbst das, sagt Barloschky, werde den Eigentümer nicht mehr interessieren. Man habe die untragbaren Zustände jetzt öffentlich gemacht, berichtet der Bremer, habe Druck entfaltet, die Politik wachgerüttelt.

Das wollen Kollmann und Esser nun auch tun. "Diese Entwicklung", sagt Esser, "kann und darf die Stadt nicht zulassen." Immerhin seien ja auch rund 1000 Kinder von der Situation betroffen. Einer Situation, sagt Kollmann, die den Erfolg des Projektes "Soziale Stadt" massiv gefährde: "Der Bereich Wohnen konterkariert die Bemühungen der Sozialen Stadt".

In der Schleife herrscht Alarmstufe Rot

Nicht nur diese. Ein Teil des Mieter-Klientels, das in den maroden Babcock- und Nau-Häusern wohnt, schadet auch dem Image des Stadtteils. Kaum ein Abend, an dem es keinen Polizeieinsatz in der Schleife gibt. Angesichts der hohen Fluktuation wird verlässliche Sozial- und Jugendarbeit immer schwieriger. Ein untragbarer Zustand. "In der Schleife", sagt Kollmann, "herrscht mittlerweile Alarmstufe Rot".



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