Loveparade - die Katastrophe: Malteser: "Und plötzlich wird alles anders..."
DUISBURG / RHEINE Der Malteser Hilfsdienst aus Rheine war bei der Loveparade in Duisburg als Einsatzeinheit eingeplant. Es sollte ein fröhlicher, ein schöner Tag werden - es wurde ein großes Unglück. Die Malteser haben jetzt, sechs Tage danach, einen Bericht veröffentlicht. Hier ist er im Wortlaut.
An dieser Treppe und um sie herum ließen 21 Menschen ihr leben. Sie starben, weil eine Massenpanik ausgebrochen und dieser Rampenbereich total überfüllt war. (Foto: dpa)
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Nach längeren Überlegungen haben wir uns entschlossen, in Tagebuchform über unseren Einsatz an diesem Tag zu berichten.
Samstag, 24.10.2010, 5 Uhr. Für die Malteser aus Rheine beginnt der Dienst an der Unterkunft Diekbrede. Die Einsatzeinheit 06 der Malteser im Kreis Steinfurt war schon Tage vorher angefordert worden. Ziel: Die Loveparade in Duisburg. Auftrag: Bildung einer Betreuungsplatzbereitschaft (BTP 500) zusammen mit weiteren Komponenten aus dem Regierungsbezirk Münster.
Zuerst fahren die 13 Helfer aus Rheine zum Bereitstellungsraum nach Ochtrup. Mit den Kollegen aus Metelen, Ochtrup und Emsdetten bilden sie dort einen geschlossenen Verband von 5 Fahrzeugen und 26 Helfern. Unter der Leitung von Zugführer Jens Hermsen aus Emsdetten rücken sie ab. Der Treffpunkt mit den anderen Einheiten ist der Autobahnparkplatz „Schwarze Heide“ an der A2 kurz vor Duisburg. Dort angekommen formieren sie sich gemeinsam zum BTP 500. Diese Betreuungsplatzbereitschaft ist darauf ausgelegt, 500 hilfsbedürftige Personen selbständig zu versorgen.
Sie fahren als Kolonne mit 20 Fahrzeugen und über 50 Helferinnen und Helfer von MHD und DRK zum Gertrud-Bäumer-Berufskolleg in der Klöcknerstraße, etwa 500m nordöstlich des Festivalgeländes.
Es ist gegen 9 Uhr, in der Schule beginnen die Helfer den Betreuungsplatz einzurichten. Gegen 10.30 Uhr ist diese Einheit komplett einsatzbereit.
Zunächst verläuft die Veranstaltung völlig friedlich und es gibt nichts zu tun für die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aus dem Münsterland.Die Helfer vertreiben sich die Zeit mit Basketball und Karten spielen. Zum Mittag wird Erbsensuppe gegessen, einige Helfer sonnen sich auf dem Schulhof. Nach und nach werden einige hilfsbedürftige Personen von Helfern des Technischen Hilfswerkes in den Betreuungsplatz gebracht. Sie werden von den Helfern betreut und versorgt.
Doch plötzlich wird alles anders. Kerstin Hötzel, als Gruppenleiterin verantwortlich für die Leitung der Betreuung, ruft alle Helfer zusammen und eröffnet allen, was sie gerade erst von Ihrer Einsatzführung erfahren hat: "In einem Tunnel ist eine Massenpanik ausgebrochen mit sehr vielen Verletzten und mehreren Toten. Es ist ManV (Massenanfall von Verletzten). Wir wissen nicht, was auf uns zu kommt und müssen auf alles vorbereitet sein!"
Sofort schlägt die Stimmung um von Ausgelassenheit in Besorgniss über die Opfer und Ungewissheit über die zu erwartenden Maßnahmen. Niemand weiß zu dem Zeitpunkt genau, was passiert ist, welches Ausmaß die Katastrophe hat und was auf die Helfer zukommen wird.
Ein Helfer wird die Begegnung mit den Kollegen später so beschreiben: „Als ich in deren Augen gesehen habe - besser gesagt, durch diese hindurch ins Leere, hat es bei mir Klick gemacht, was die wohl mitgemacht haben. Der Horror stand in ihren glasigen Augen und dem fahlen Gesicht.“
Um 20 Uhr, nach 15 Stunden Dienst, werden die Kräfte aus Rheine abgelöst durch Helfer aus Münster, Warendorf und dem Tecklenburger Land. Gegen 23 Uhr kommen die Malteser aus Rheine, Metelen und Ochtrup erschöpft wieder zurück, während die Ablösung an dem Betreuungsplatz den Opfern weiter helfen kann.
Was sich in den Köpfen der Helferinnen und Helfern auf der Rückfahrt abgespielt hat?
Vielleicht zogen noch einmal die Bilder der geschockten Kollegen und der Opfer, die sie an diesem Tag versorgten, an ihrem geistigen Auge vorbei.
Oder kamen auch Ängste auf. Angst, in eine Situation zu kommen, in der man entscheiden muss wem man zuerst hilft. Angst, ohnmächtig zusehen zu müssen wie ein Mensch ein paar Meter weiter stirbt, während man einem anderen hilft. Angst, die Grenze des psychisch Erträglichen überschreiten zu müssen. Angst vor der eigenen Hilflosigkeit im Angesicht einer solchen Katastrophe.
Doch wir Malteser lassen unsere Helferinnen und Helfer nicht mit Ihren Sorgen und Ängsten alleine. Die seelsorgerische und psychologische Nachbetreuung durch geschultes Personal wurde unseren Helfern bereits angeboten. Als katholischer Verein haben wir einen Ortspfarrer, Pfarrer Meinolf Winzeler, in unserer Mitte, der aktiv am Vereinsleben teilnimmt und den Helfern vertraut ist. Gemeinsam und untereinander können wir über die Erlebnisse sprechen und diese aufarbeiten. Nur so können wir aus solchen Situationen gestärkt wieder herauskommen und weitermachen in unserem Bestreben den Bedürftigen zu helfen.













