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Montag, 13. Februar 2012
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    Medienhaus Lensing
    25.02.2010 16:31 Uhr
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    Träume wappnen für die Realität

    Im Rollenspiel des Kindes spiegelt sich weniger seine Kinderwelt, sondern vielmehr das vermeintliche Leben der „Großen“ in den Augen des Kindes wider. Wer hier genau hinschaut, erfährt viel darüber, wie Kinder ihre Umwelt eigentlich erleben. Moritz hat dem renommierten Kinderpsychologen und Buchautoren Wolfgang Bergmann einige Fragen zum Thema gestellt.

    Bilder:

    Der Fantasie freien Lauf lassen ...
    Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann


    Der Fantasie freien Lauf lassen ...
    Der Fantasie freien Lauf lassen ...
    Foto sxc.hu
    Was genau versteht man unter „Rollenspielen“?

    Bergmann: Rollenspiele haben für die zwei bis zehnjährigen (trotz der großen Altersdifferenz) im Wesentlichen den folgenden Doppelcharakter: Zum einen spielen sie versuchsweise „die Welt“ nach. Indem sie die Rolle eines anderen Kindes, eines Königs oder eines Schafs übernehmen, fühlen sie sich mit ihrem kleinen Selbst in die immer noch befremdliche Eigenart der Welt ein, machen sie sich buchstäblich „zu eigen“. Zum zweiten sind Rollenspiele auch Fantasiespiele. Neben dem realen Welterleben erleben Kinder die Welt in einer magischen Weise. Dieses Welterleben speist sich aus den frühkindlichen Erfahrungen, die vor der Sprache und vor dem Objektwissen liegen. Zugleich nährt sich dieses fantastisch-magische Spielen vom kindlichen Willen, in dieser Welt eine großartige Gestalt zu sein, geliebt zu werden und beeindruckend zu wirken – kurzum, Kinder spielen Realität und Träume gleichzeitig, so wie sie ja auch ihre Lieblingspuppe an sich drücken und dabei zwar einerseits wissen, dass es nur ein Stoffwesen ist, aber gleichzeitig dieses Wesen mit aller Liebe in ihr Kinderherz geschlossen haben, als sei sie lebendig.

    Welche Formen von Rollenspielen gibt es?

    Bergmann: Ist jetzt vielleicht schon beantwortet. Hinzufügen will ich, dass es auch das Rollenspiel mit Materialien gibt. Wenn Kinder sich für ihr Spiel mit Utensilien ausstatten, folgen sie nicht nur dem Willen sich die Funktionalität der Welt anzueignen, sondern dem Willen und Wunsch, diese Welt auch zu beherrschen und zu kontrollieren. Man sieht das oft beim kindlichen Spiel: Wenn ein Vierjähriger mit einer Eisenbahn spielt, ist er immer der Lokomotivführer oder beim Flugzeug der Pilot usw.

    Ab wann und warum fangen Kinder überhaupt an, in andere „Rollen“ zu schlüpfen?

    Bergmann: Sehr früh schon. Bereits Eineinhalbjährige Kinder - das ist ungefähr der Beginn eines „Ich-Gefühls“ – fangen an, die Objekte nicht nur zu bestaunen und zu betasten, sondern mit ihnen umzugehen. In diesem Alter wollen sie begreifen, sie wollen auch beherrschen und sie wollen im Umgang mit den Dingen immer auch ganz großartig dastehen – dieses so genannte infantile Größenselbst wird in der kindlichen Entwicklung immer realitätstüchtiger und wirklichkeitsbezogener, aber nie ganz aufgegeben. Jedes Spiel enthält Tagträume, das ist bei unseren erwachsenen Fantasien nicht viel anders! Der Charakter des „ich bin der Größte oder Liebenswerteste (die Prinzessin)“ finden sie also auch im Spiel der Zehnjährigen, die auf dem Schulhof ein Detektivbüro eröffnen und alles überwachen, kontrollieren und die Übeltäter bestrafen.

    Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann
    Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann
    Foto: dpa
    Wie wichtig sind Rollenspiele für die kindliche Entwicklung?

    Bergmann:
    Wir vergessen immer, wie fremd diese Welt für Kinder ist. Uns ist alles selbstverständlich, für ein Kind ist alles neu. Das muss es jetzt also erstmal erwerben. Und dann schlüpft es in die eine und die andere Rolle, als Pilot oder als Prinzessin, fühlt sich ganz toll und wird mit der Welt vertraut.

    Wie verändern sich die Rollenspiele mit zunehmendem Lebensalter?

    Bergmann: So sehr ändern sie sich gar nicht – eine 14-Jährige, die vor dem Spiegel Pink imitiert und sich schon auf einer Casting-Bühne sieht, hat im Prinzip dieselben Emotionen wie die Vierjährige, dasselbe Vermischen des Fantastisch-Sehnsuchtsvollen mit der realen Welt. Auch das Gefühl, dass man eigentlich die Größte und Schönste sei oder doch sein sollte, ist das Gleiche und zudem übt sie vor diesem Spiegel auch die bittere Einsicht (sie mischt sich in die narzisstische Freude), dass es mit Pink oder Britney wohl nichts werden wird - auch dies gehört zum Erwachsenwerden. Je gelungener das Spielverhalten und das Verinnerlichen der Spielerfahrungen in den frühen Kinderjahren war, desto eher können die Pubertierenden damit zurecht kommen, dass das fantasievoll-tagträumerische Größen-Ich von der Realität relativiert wird und nicht alle Blütenträume reifen müssen. Wurde genug, ungestört und fantasievoll in den ersten acht bis zehn Jahren gespielt, dann ist auch ein ausreichend sicheres Ich-Gefühl gespeichert: Nein, mit der Show-Karriere wird` s nichts, aber ich bin trotzdem ein wunderbares Kind. Jetzt können sie diese harsche Realitätseinsicht seelisch integrieren.

    Wie können Eltern das Rollenspiel der Kinder fördern?

    Bergmann:
    Eltern sollen die Kinder in Ruhe lassen, die spielen ganz allein, die haben ganz allein Fantasien und Neugier und Abenteuerlust auf die reale Welt – Eltern sollten ihnen lediglich gutes Spielmaterial anbieten – gut ist alles, was mit „Selbsttätigkeit“ zu tun hat! - und hin und wieder mit den kleinen LEGO Steinen bauen, Puppen spielen und später „Mensch-ärgere-dich-nicht“. Sie werden zu ihrer Überraschung merken, wie viel Spaß das macht, weil das Kindliche auch in ihnen noch lebt. Warum? Weil unsere Kinderträume und die sie begleitenden Spiele beinahe unsterblich sind …


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