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Fliegende-Wörter-Kalender
Ein Dichter träumt vom WM-Finale
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| Von Sabine Müller am 3.11.2009 19:27 Uhr | ||
| MÜNSTER Mit ihm ist keine Woche wie die andere. Er bringt einen zum Lachen und zum Weinen, oft auch ins Grübeln. Wenn er nicht da ist, fühlt es sich an, als fehle ein Freund. Der Kalender „Fliegende Wörter“ gehört zum Jahr wie Weihnachten und Ostern. Und das nicht nur bei Leuten, die Lyrik lieben. | ||
Der Postkartenkalender aus dem münsterschen Daedalus-Verlag ist der Klassiker unter den Wochenbegleitern. Seine 53 wunderbaren und wundersamen Gedichte bieten allen Vorurteilen über Gedichte die Stirn. Die Herausgeberinnen Andrea Grewe, Hiltrud Herbst und Doris Mendlewitsch entdecken auch im 16. Jahr immer noch spannende neue Autoren und beleben vergessene. Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke und Hilde Domin stehen neben Muriel Spark, Ulla Hahn und Lars Gustafsson. Manches ist einfach nur lustig wie Kurt Schwitters’ „Schnuppe“: „Meine süße Puppe,/ Mir ist alles schnuppe,/ Wenn ich meine Schnauze/ Auf die deine bautze.“ Moderner Brecht Erstaunlich aktuell erweist sich mal wieder Bertolt Brecht. In seinem „Gründungssong der National Deposit Bank“ heißt es: „Wenn die Gelder aber fehlen/ Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ach, wir wolln uns da nicht zanken/Woher haben’s die andern Banken/ irgendwoher ist’s gekommen/ irgendwem haben sie’s genommen.“ Doch nicht nur die Gedichte sind Kunst, auch ihr Schriftbild, die Typografie, ist ein Kunstwerk. Die „Schnuppe“ breitet sich auf einer ganzen Seite aus, als sei das Wort explodiert. Aus dem Gedicht „Apfeltante“ wird ein halber Apfel. Die „Glückliche Fahrt“ von Goethe begleiten Wellen. Und die „grundsätzlichen Gedanken zum Thema Sex“ sind ziemlich schief geraten. Rote Karte Die Rote Karte gibt es für den Juni. Dort hat Urs Widmer schon mal den großen Fußball-„Traum“ geträumt: „Im WM-Finale:/ Die Deutschen. Die Schweiz./ Zum erstletzten Male./ Ein Spiel voller Reiz.“ Die zweite Strophe weckt dann aber auch den letzten Fußballmuffel: „Die Schweizer gewinnen./ Der Kahn kentert. Und/ Klins denkt, Mann, die spinnen./ Der Ballack bleibt rund.“ Urs Widmer ist halt in Basel geboren. Fliegende Wörter 2010. Daedalus Verlag, Münster, 15,90 Euro. |
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