Lucien Clergue: Picasso rettete ihm das Leben
MÜNSTER Lucien Clergue fotografiert meisterhaft nackte Frauen. Er formt Landschaften und abstrakte Statuen aus ihren Körpern, lässt das Licht in Streifen und Kurven auf Brüste und Beine fallen – oder montiert die sinnlichen Schönen per Überblendung in opulente Rubensgemälde.
Kein Wunder also, dass die zumeist männlichen Journalisten in Münsters Picasso-Museum den Künstler gestern eifrig befragten. Clergue, illustres Mitglied der Academie française, brachte das Spezifische seiner Kunst ganz unakademisch auf den Punkt: „Bei Helmut Newton tragen die Nackten immer Absätze, bei mir nicht!“ Interessant.
Raffiniert blendet Lucien Clergue Frauen-Akte in altmeisterliche Gemälde ein
Sensible Porträts
Nun gibt es im Picasso-Museum indes nicht nur Akt-Fotografien zu sehen. Denn der 1934 in Arles geborene Clergue ist nicht nur ein Freund der Frauen, er war auch ein guter Freund Pablo Picassos. Daher gehört der erste Saal im Obergeschoss den liebevollen, wunderbar lebendigen Porträts, die der Fotograf von dem Maler gemacht hat. Picasso als Anfeuerer beim Stierkampf, Picasso mit einem Baby im Arm, Picasso staatstragend mit Zigarette in der Hand: Der Spanier war immer ein dankbares Fotomotiv, aber so nahbar, entspannt und alltäglich wie hier hat man ihn selten gesehen.
Dramatische Operation
Lucien Clergue erzählte denn auch prompt eine dramatische Geschichte, die die Verbundeneit der beiden Künstler belegt: 1958 gingen sie zusammen essen und Picasso sagte: „Lucien, du bist krank!“ – „Nein“, antwortete der Fotograf, „ich fühle mich sehr gut.“ – „Doch“, beharrte Picasso, „du gehst sofort zum Arzt!“ Widerwillig ließ Clergue sich untersuchen, wurde ins Krankenhaus eingewiesen und sofort operiert. „Es war eine Frage von Stunden, und Sie wären gestorben“, sagte der Chirurg. Während seiner Genesung half ihm Picasso sogar mit einem Scheck aus, den er sehr ungewöhnlich unterschrieben hatte. Die Signatur wäre heute wahrscheinlich ein Vermögen wert, aber Clergue musste den Scheck leider einlösen.
Nach einem Saal mit Stierkampf-Motiven kommen dann die Akt-Bilder in Sicht – und hinterlassen einen wechselhaften Eindruck: Einige tropfend inszenierte Körper am Strand versprühen allzu kommerzielle Postkarten-Erotik, andere fließen über vor Reiz und Raffinesse.
Bis 11. Mai im Picasso-Museum.
www.graphikmuseum.de





















