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Lissabon (dpa) Literaturnobelpreisträger José Saramago treibt seine Landsleute in Portugal auf die Barrikaden.
Literaturnobelpreisträger Jose Saramago treibt seine Landsleute in Portugal auf die Barrikaden.
Bei der Vorstellung seines neuen Buches «Caim» (Kain) startete der bald 87-Jährige dieser Tage einen sogar für ihn, den bekennenden Atheisten und Kommunisten, ungewöhnlich furiosen Rundumschlag gegen Gott, die Bibel und die Kirche. Die Bibel sei «ein Katalog von Grausamkeiten», Gott rachedurstig, eifersüchtig und nicht über den Weg zu trauen, so der Autor. Im erzkatholischen Portugal ließ die Antwort nicht auf sich warten. Kirchenvertreter, Politiker, die einfachen Gläubigen und auch Kollegen laufen Sturm gegen die scharfen Worte.
«Dieser Mann ist der Teufel», machte eine ältere Frau vor einem Sonntagsgottesdienst in Lissabon ihrem Ärger lauthals Luft, während Passanten nickend und mit ernsten Blicken zustimmten. In Penafiel unweit von Porto im Norden Portugals fand am Samstag ein erster Protestmarsch statt. Der sozialdemokratische Euroabgeordnete Mario David rief Saramago auf, «schnellstens» die Staatsbürgerschaft von Portugal aufzugeben. Der frühere Kultur-Staatssekretär Sousa Lara verglich den Schriftsteller gar mit Silvio Berlusconi. Dabei hatte Saramago den umstrittenen italienischen Regierungschef, auf den Sex- und Korruptionsaffären lasten, jüngst als «Mafia-Boss» bezeichnet.
Die portugiesische Bischofskonferenz wies die Attacken Saramagos unter anderem als «naiv» zurück. Aber nicht nur Katholiken fühlten sich zutiefst beleidigt. Die Worte Saramagos seien sehr verletzend, so der Präsident der Islamischen Gemeinde Lissabons, Abdool Vakil. Der jüdische Führer Eliezer di Martino meinte, Saramago kenne die Bibel überhaupt nicht. Und sogar im fernen Brasilien entrüstete sich der evangelische Priester Miguel Cox: «Lächerlich!».
Portugals Bestsellerautor Miguel Sousa Tavares meinte in der Wochenzeitung «Expresso», alles an Saramago sei «Eitelkeit und Selbstdarstellung». In Zeitungskommentaren wird der Autor von «Stadt der Blinden» unter anderem als «Ignorant» und als «Ketzer», als «verbittert» und «publicitygeil» beschimpft. Viele sprechen Saramago sogar das literarische Können ab. «Er ist einfach der unangenehmste Kerl der iberischen Halbinsel», so das Magazin «GQ».
Prophet im eigenen Land ist Saramago, der erst knapp 60-jährig mit dem Roman «Hoffnung im Alentejo» seinen nationalen Durchbruch schaffte und 1998 den Nobelpreis bekam, lange nicht mehr. Spätestens seit Anfang der 1990er, als sein Roman «Das Evangelium nach Jesus Christus» von der katholischen Kirche als blasphemisch angeprangert wurde, hat sein Ansehen gelitten. Damals zog die portugiesische Regierung seine Nominierung für den Europäischen Kulturpreis zurück. Aus Protest ging Saramago daraufhin «ins Exil» auf die spanische Insel Lanzarote, wo er heute noch mit seiner Frau und Managerin Pilar del Rio lebt.
Bei Auftritten in TV-Sendungen, Buchpräsentationen und Debatten mit Kirchenvertretern und in Zeitungsredaktionen hielt Saramago die vergangenen Tage an seinen Meinungen energisch fest. Er beschränke sich darauf, «die Steine aufzuheben um zu zeigen, was darunter ist». «Caim» sei «ein Aufstand in Buchform», damit die Leser erkennen, dass sie jeden Tag manipuliert würden. «Wir müssen dagegen ankämpfen. Ich will, dass dieses Buch uns dazu verhilft, die andere Seite zu sehen.» Angst vor den Protesten habe er nicht, da «die Feuer der Inquisition nicht mehr existieren».
In «Caim» beschränkt sich Saramago nicht auf die Episode der Tötung des Hirten Abel durch seinen neidischen Bruder Kain. Er führt den Ackerbauer mit seinem ganz eigenen, ausschmückenden, kräftigen und fantasievollen Stil durch Passagen des Alten Testaments, in denen Kain eigentlich nicht vorkommt, wie die Verurteilung von Sodom und Gomorrha, die Episode des Goldenen Kalbs oder Noahs Arche.
So ganz ungelegen kommt Saramago die Polemik natürlich nicht. Die erste Auflage von 50 000 Exemplaren war innerhalb von nur fünf Tagen fast vergriffen. Die Zeitung «Diario de Noticias» versichert, unter den Käufern seien «viele Kirchenvertreter, die nun untereinander über das Buch debattieren». Der Teologe Anselmo Borges schlägt sich als einer von wenigen auf die Seite Saramagos: «Ich habe das Buch gern gelesen und meine, es ist von großer Bedeutung, weil er die Gläubigen zur Reflexion zwingt.»
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