Medienhaus Lensing
20.01.2011 19:22 Uhr
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Plakate der 68er: "Die Borker Bullen sind im Haus!"

MÜNSTER In Münster knallte es zwar später, aber es knallte. Im mehreren Nächten im Mai und Juni 1969 besetzten Studenten das Fürstenberghaus am Domplatz. Polizisten rückten an und räumten rigoros. Heutzutage würde die Demonstration Flashmob heißen und die Aufrufe und Bilder wären über Handy und Internet rasend fix verbreitet. Damals malte man schnell ein Plakat.Von Sabine Müller

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 (Foto: LWL)

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Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster hebt gerade einen Schatz. Über 30 000 Plakate befinden sich im Bestand – ein Himmelreich für den Kurator und leidenschaftlichen Plakat-Sammler Dr. Jürgen Krause. Seit einigen Monaten arbeitet er an der dreiteiligen Schau „Visuelle Revolten. Schnitte durch die Plakatszene um 1968“. Und seitdem, so sagt er, lebe er „zeitversetzt“. Ist 40 Jahre zurück bei Franz Josef Strauß und Willy Brandt. Beim Vietnam-Krieg und dem Wettrüsten. Bei Helga, Michael und „Dr. Fummel“, die Deutschland mit Nacktfilmchen aufklärten. Und er ist ganz nah bei den Studentenprotesten.

Kontakt nach Berlin

„Münster – mehr als ein Nebenschauplatz“ ist der erste Teil der dreiteiligen Plakat-Schau betitelt. Denn Münsters Studenten, so Krause, seien gut vernetzt gewesen mit dem Hauptschauplatz Berlin, wo Rudi Dutschke studierte, wo Benno Ohnesorg erschossen wurde, wo die Kommune I mit dem heutigen Dschungelcamp-Bewohner Rainer Langhans gegen Bürgerlichkeit und Establishment revoltierte.

Die Unzufriedenheit der Studenten in Münster war nicht gering. Volle Hörsäle, keine Wohnungen, kein Mitspracherecht. Als die Studenten das Fürstenberghaus 1969 besetzten, rückten Jungpolizisten der Landespolizeischule Bork an – martialisch und hochmodern aufgerüstet mit Plexi-Visier und Schild. „Borker Bullen sind im Haus!“, warnte ein Plakat, das heimlich von einem Unbekannten in einer halb legalen Druckwerkstatt der Uni gefertigt wurde.

Wallraff undercover

Just zu diesem Zeitpunkt erschien in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Konkret“ ein Artikel von Günter Wallraff: „Die Prügelschule von Bork. Im westfälischen Land übt sich, was letzte Gefechte schlagen will.“ Wallraff hatte sich als Polizist verkleidet eingeschlichen: Polizisten übten gerade Einsätze gegen randalierende Studenten der Uni Münster. Hohe Polizeioffiziere reisten dafür aus der Bundesrepublik und aus West-Berlin an und schauten zu. Nur wenige Tage später wurde das Szenario Wirklichkeit.
„Ich will nicht von einer Schlacht auf dem Domplatz sprechen“, so Krause, „aber man sollte auch nichts beschönigen“. Die Plakate der Studenten sprechen eh deutliche Worte: Der Rektor schiebt den Prügel-Polizisten nach vorne. In einer Todesanzeige wird die Demokratie an der Uni zu Grabe getragen.

Die Ausstellung birgt unzählige brisante, aufrüttelnde Geschichten. Über 130 Plakate, Flugblätter und Zeitungs-cover spiegeln Geist und Lebensgefühl dieser Aufbruchszeit wider, beschäftigen sich mit jedem Thema, über das diskutiert wurde – vom Bildungsnotstand bis zur sexuellen Aufklärung.

Viele der Arbeiten stammen von den beiden damals wichtigsten Plakatentwerfern: Klaus Staeck und Ernst Volland. Doch oft sind die Künstler hinter den provokanten, ironischen, bissigen und bösen Bildern unbekannt. Zudem war das Plakat ein schnelles Medium. Bei manchen Exponaten sieht man sogar noch, dass sie von einer Wand abgeknibbelt wurden.

Nostalgischer Rundgang

Zu jedem Plakat gibt es ausführliche Hintergrundinformationen und Erklärungen. So ist der Gang durch die Galerie im ersten Stock des Altbaus zum einen eine hochspannende Zeitreise, ein nostalgischer Rundgang. Aber er schärft auch den Blick für die Gegenwart. „Vieles ist erschreckend aktuell“, stellt Krause fest. Politische Forderungen von damals könnten heute eins zu eins übernommen werden, bei Bildungs- und Migrationspolitik ist man kaum einen Schritt weiter als 1970. Allerdings, so konstatiert Museumsleiter Dr. Hermann Arnhold: Provokation, Polarisierung und Aufbruchstimmung von damals seien lange vorbei.


ZUR SACHE

Die Ausstellung „Visuelle Revolten. Schnitte durch die Plakatszene um 1968“ ist in drei Teile aufgeteilt, die bis 2012 im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen sind.
1. Münster – Mehr als ein Nebenschauplatz: 20. Januar bis 1. Mai
2. Globale Protestkulturen: 19. Mai bis 21. August
3. Langzeitwirkung „68 – Der visuelle Umbruch“: 15. Dezember 2011 bis 11. März 2012
Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr, So bis 21 Uhr.
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