Medienhaus Lensing
19.05.2011 18:17 Uhr
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Plakate der 68er: Ein Bad mit Mao

MÜNSTER Das Landesmuseum an Münsters Domplatz ist ein Hort gediegener Künste und edler philosophischer Betrachtungen. Aber jetzt? Skandal! Linke Thesen, realsozialistische Propaganda und unbekleidete Frauen mit Handgranaten vor den Brüsten bevölkern den Umgang des Lichthofes.Von Manuel Jennen

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Mao schwamm 1966 durch den Fluss Yangtze, um seine körperliche Kraft zu demonstrieren. Im selben Jahr rief der chinesische Diktator die »Kulturrevolution« aus, bei der nach Schätzungen über sieben Millionen Menschen umgebracht wurden.  (Foto: Manuel Jennen)

Teil zwei der Ausstellung „Die Plakate der 68er“ wirft einen Blick über die Stadtgrenzen und untersucht, wie Studenten und linke Gruppen Berlin, in Frankreich und in der Schweiz in den heißen Tagen des Mai 1968 auf sich aufmerksam machten. Aber auch offizielle Propaganda-Plakate der Volksrepublik China sind zu sehen.

Wie diese Werke im Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe gelandet sind, lässt sich heute schwer nachvollziehen. Offenbar haben die Chinesen die Plakate verschickt. „Man brauchte damals nur einmal bei Radio Peking anzurufen, schon bekam man eine Tonne Propaganda-Material“, sagt Kurator Dr. Jürgen Krause.

Einiges stammt aber wohl auch aus Krauses eigener Sammlung. Denn der Mitarbeiter des Landesmuseums ist nicht nur ein renommierter Plakat-Experte, sondern liebt auch seine eigene altlinke Vergangenheit. Schmachtend steht er vor Plakaten der US-Bürgerrechtlerin Angela Davis, die damals eine Afro-Frisur vom Umfang einer Ikea-Papierlampe trug, und seufzt: „Was für eine attraktive Frau!“

Ideologisch vergaloppiert

Bei aller Solidarität mit Nicaragua, Che Guevara und der freien Liebe ist die Ausstellung aber doch mehr als verklärtes Hippietum. Viele Plakate machen den damaligen Geist des Aufbruchs fassbar, einige zeigen aber auch, wie sich die jungen Leute im Westen ideologisch vergaloppierten.

Vor allem die Propaganda aus China ist zwiespältig. Die sorgfältig gemalten Szenen glücklicher Arbeiter, Bauern und Soldaten, die unter blauem Himmel einer besseren Zukunft entgegenwandern, wirken aus heutiger Sicht zwar fast wie kultiger Pop-Art-Trash. Auch ein Bild des Vorsitzenden Mao, der als tüchtiger Schwimmer aus dem Yangtze steigt und im Bademantel zwischen grinsenden Pionieren posiert, versprüht viel unfreiwillige Komik.

Aber gleich daneben hängt ein Plakat, auf dem die chinesischen Völkerschaften vereint auf dem Tiananmen-Platz stehen, und man erkennt die ganze Verlogenheit dieser Bilder – Terror und Mord sind die andere Seite der sozialistischen Medaille.

Persische Tragödie

Jürgen Krause macht auf ein weiteres Plakat aufmerksam, das enttäuschte Hoffnungen aus dem Westen dokumentiert. Zu Recht war der Schah von Persien ein Hauptgegner der 68er-Bewegung. Erschütternde Collagen seiner pompösen Hofhaltung mit blutenden Folteropfern sind in der Schau zu sehen.

Bewegend ist aber auch das letzte Plakat der Reihe, das 1979 von iranischen Studenten in der Bundesrepublik gedruckt wurde: In der oberen Hälfte fällt triumphal die Statue des Schahs vom Sockel, doch darunter recken sich rote Fäuste mit dem Aufruf „Der Kampf geht weiter“. Aus dem Traum eines linken, weltlichen Iran war nichts geworden, die Mullahs hatten die Macht erobert – gewiss nicht im Sinne deutscher Exil-Iraner.
 
Landesmuseum, bis 21. August, Di bis So 10 - 18, Do bis 21 Uhr.
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