MÜNSTER Bestseller-Autor Frank Schätzing inszenierte sich und sein Buch "Limit" als große Live-Show im Congress-Saal der Halle Münsterland. Es war ein selbstverliebter Trip zum Mond.Von Sabine Müller
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Frank Schätzing las im Congress-Saal der Halle Münsterland aus einem E-Book vor. Seine "Limit"-Show spielte er vor ausverkauftem Haus. (Foto: Sabine Müller)
Frank Schätzing hat ein aufregendes und spannendes Buch geschrieben. „Der Schwarm“ heißt es und ist schon sechs Jahre alt. Sein aktuelles heißt „Limit“, umfasst 1328 Seiten und ist selbst für einen Fan des penibel recherchierten Zukunfts-Thrills ermüdend. Vielleicht weiß Schätzing das sogar. Denn statt einer Lesung inszeniert er eine „Limit“-Show.
Die sich prima verkauft, ohne Frage. Auch der Congress-Saal der Halle Münsterland ist am Samstagabend ausverkauft. Und das bei Kartenpreisen, die mit 20 bis knapp über 30 Euro ein Vielfaches über normalen Lesereisen-Preisen liegen. Was bietet Schätzing dafür? Auf den ersten Blick tatsächlich mehr.
Auf einer Videoleinwand sieht man eine beeindruckende Animation über die Entstehung des Mondes, den eine Kollision der Erde mit dem Planeten Theia vor Milliarden von Jahren geboren haben soll. Man sieht auch Aufnahmen der Mondoberfläche. Krater und Landschaften, so fremd und sonderlich, dass man sich kaum vorstellen mag, dass der Mensch dort einmal siedeln soll. Doch genau das hat sich Schätzing für seinen im Jahr 2025 spielenden Thriller ausgemalt.
Gerangel um Helium 3
Ein Aufzug zwischen Erde und Mond hat nicht nur den Weltraumtourismus boomen lassen, China und Amerika bauen das wertvolle Helium 3 auf dem Mond ab, das die Energieversorgung auf der Erde sichert. Was natürlich zu James-Bond-ähnlichen Verwicklungen führt.
E-Book statt Buch
Doch der Inhalt des Buches ist an diesem Abend eher Nebensache, es geht mehr um einen Blick in die Zukunft schlechthin. Und auch bei der Form sprengt Schätzing die Grenzen der Lesung. Er sitzt nicht mehr an einem Tischchen, liest und blättert in seinem Buch. Er wandelt über die Bühne, schreitet den Raum ab, in den Händen ein E-Book, an das er ganz altertümlich ein Leselämpchen geklemmt hat. Er misstraut sogar der Wirkung seiner eigenen Worte. Die wenigen Passagen, die er aus seinem Roman „Limit“ liest, unterlegt er mit Musik. Permanent drängt sich der nervöse Soundtrack auf. Er stört, ist reines Tamtam, total überflüssig. Zumal ein Astronaut in einer durchaus spannenden Szene auch noch explizit meint, die einzige Orchestrierung des Weltalls sei in diesem Moment sein Atem.
Jan Josef Liefers taucht auf
Es gibt noch mehr Musik, auch Frank Sinatras „Fly me to the moon“, mehr Videos. Aber auch, und das ist unangefochten das Highlight des Abends, ein interaktives Rollenspiel mit zwei Romanfiguren: Jan Josef Liefers spielt den Cyber-Detektiv Owen und Milena Karas die chinesische Dissidentin Yoyo. Sie erscheinen auf der weißen Leinwand zum Rendezvous mit ihrem geistigen Vater. Ein schöner Trick, perfekt gemacht. Hier blitzt sogar ein Hauch Selbstironie hervor, wenn Liefers neckt: „Ich habe schon überlegt, ob ich in den neuen Roman von Dan Brown abhaue.“ So macht eine Lesung Spaß, wenn sie Show sein soll.
Angst vor der Zukunft
Zum größten Teil aber bleibt der Abend eine Selbstinszenierung Schätzings. Er plaudert selbstverliebt. Er erzählt, dass 60 Prozent der Menschen Angst vor der Zukunft haben und will die Angst nehmen mit heute lachhaft klingenden Aussagen derer, die sich in der Vergangenheit die Zukunft ausgemalt haben. Er erzählt von seiner schwierigen Recherche über Sex in der Schwerelosigkeit. Und reißt Witzchen. Darüber, dass sich Berlusconi in der Zukunft klonen lässt, dass Schwarzenegger US-Präsident sein wird und die Nachrichten im Jahr 2025 den Tod von Johannes Heesters dementieren. Das ist alles nett, aber mehr auch nicht. Der Abend ist eine Mischung aus kabarettistischer Zukunftsprognostik, Infotainment und Lebenshilfe, für den Schätzing die Parole ausgibt: Sorge dich nicht, gestalte deine Zukunft selbst!
Schätzing hat Recht
Schätzing hat ja prinzipiell Recht: Oft sind Lesungen dröge, lesen Autoren ihre Texte zu uninspiriert. Schätzings Ansatz ist also rühmlich. Doch hat er seine Grenzen zu beliebig und zu laut abgesteckt, mit zu großen Marken. In Erinnerung bleiben wird das nicht.