MÜNSTER Als Kopf der Band Blumfeld war er die Stimme der 90er und Nullerjahre. Doch wird Jochen Distelmeyer nach Auflösung der Truppe auch als Solist ein Star bleiben? Vor seinem Münster-Auftritt am 3. Februar (Mittwoch) im Metropolis telefonierte MZ-Redakteurin Sabine Müller mit dem 42-Jährigen.Von Sabine Müller
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Jochen Distelmeyer spielt am 3. Februar in Münster im Metropolis und stellt sein Solo-Album "Heavy" vor. (Foto: dpa)
Wo erwisch ich dich gerade?
Distelmeyer: Im Büro in Hamburg.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann du in Münster gespielt hast...
Distelmeyer: Da muss ich fragen
(fragt: Wann haben wir in Münster gespielt? Antwort aus dem Off: bei der Jenseits-von-Jedem-Tour.) Bei der Jenseits-von-Jedem-Tour.
Und wann war das?
Distelmeyer: Da muss ich fragen.
(fragt ins Off: Wann war das? Antwort: 2003) 2003.
Du hast mal gesagt, Gigs hätten für dich immer was Erotisches. Auch in Münster?
Distelmeyer: Also, Münster hab ich nicht erotisch in Erinnerung. Ich habe kein erotisches Verhältnis zu Städten.
Warum findest du denn, dass Auftritte etwas Erotisches haben?
Distelmeyer: Es geht doch beim Rock’n’Roll darum. Um Begierden. Spaß haben. Füreinander da sein, das begleitet diese Form
(lacht).
Warum lachst du?
Distelmeyer: Weil ich die Frage so naiv finde.
Wieso naiv? Natürlich geht es beim Rock’n’Roll um Sex.
Distelmeyer: Da sind wir uns also einig?
Absolut einig.
Distelmeyer: Sex, Schwitzen.
Genau. Aber du hast mal gesagt, dass der Auftritt an sich etwas Erotisches hat, das Körperliche des Konzerts.
Distelmeyer: Ach so, das habe ich gesagt? Ja, stimmt.
Bist du gerade verliebt?
Distelmeyer: Die Frage geht mir zu weit.
Ich frage deshalb: Als ich das Blumfeld-Album „Old Nobody“ 1999 das erste Mal hörte, dachte ich: Jetzt ist Jochen Distelmeyer verliebt. Und als ich das neue Album „Heavy“ hörte, dachte ich, jetzt hat er die große Liebe gefunden.
Distelmeyer: Ich hab ’ne große Liebe.
Aber du willst nicht drüber reden.
Distelmeyer: Nö.
Warum hat sich Blumfeld aufgelöst?
Distelmeyer: Wir sind mit der gemeinsamen Arbeit an einem Endpunkt angekommen, von der „Ich-Maschine“ bis „Verbotene Früchte“. Es hat sich gut und richtig angefühlt. Es war alles gesagt.
Das Album klingt trotzdem sehr nach Blumfeld. Was sagst du jetzt Neues?
Distelmeyer: Mir ging es nicht darum, alles anders zu machen. Ich bin noch derselbe Songschreiber.
Das Album heißt Heavy, es gibt aber keinen Song darauf, der Heavy heißt.
Distelmeyer: Als mir der Begriff durch den Kopf schoss, war mir klar, dass er das Album gut beschreibt. Heavy meint etwas Schweres, klingt aber zugleich leicht. Alles gehört zusammen, auch scheinbare Gegensätze.
Wie Hass und Liebe.
Distelmeyer: Es gibt das eine nicht ohne das andere.
War die erste Solo-Platte eine einsame Erfahrung?
Distelmeyer: Einsam nicht. Ich war für mich, habe mich aber nicht einsam gefühlt. Ich weiß aber, wir alle sind einsam. Umso schöner ist es, wenn man jemanden hat.
Es gibt die Zeile: „Ich war zu lang allein/Und hab darüber nachgedacht.“ Oft heißt es ja, man müsse die Ich-Perspektive im Song vom Autor trennen. Das ist bei dir nicht so.
Distelmeyer: Das stimmt. Ich finde, es ist ein Fehler zu sagen, dass es nicht so ist. Man ist das nie im Ganzen, nie in jeder Minute, es sind Ausschnitte. Aber alle Lieder bin ich.
Es hat zwei Jahre gedauert nach der Trennung von Blumfeld bis zu deinem Solo-Album. Hast du so lang gebraucht, um zu schreiben?
Distelmeyer: Das Schreiben ging ziemlich schnell. Wir haben noch eine Live-DVD veröffentlicht, eine Abschieds-Tour gemacht. Und ich wollte Zeit damit verbringen, über Musik nachzudenken. Aber das Bedürfnis, Songs zu schreiben, war dann doch stärker.
Bist du jetzt am Ziel, wie es im Song „Murmel“ heißt?
Distelmeyer: In dem Moment, den ich da beschreibe, bin ich am Ziel. Aber das ist keine Permanenz. Das wär ja schlimm, dafür mag ich zu sehr, dass sich was verändert. Ich beschreibe ein Gefühl liebevoller Gewissheit.
Gewissheit über was?
Distelmeyer: Was ich will.
Was willst du?
Distelmeyer: Die Frage ist mir zu privat. Musik ist die Art, mich darüber zu äußern.
Dann freuen wir uns auf ein erotisches Konzert in Münster.
Distelmeyer: Da gehören ja immer zwei zu.
Oder mehrere.
Distelmeyer: (lacht)
Na, bei einem Konzert, das Publikum und du.
Distelmeyer: Okay, das Publikum auf der einen Seite und ich auf der anderen.
Über Blumfeld und Jochen Distelmeyer
- 1990 gründen Jochen Distelmeyer (Gesang, Gitarre), Andre Rattay (Schlagzeug) und Eike Bohlken (Bass) die Band Blumfeld. Der Name stammt von einer Kurzgeschichte Franz Kafkas: „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“. Das erste Album „Ich-Maschine“ (1992) war grandios gut und mischte die Musik-Szene gehörig auf. Taz-Redakteur Thomas Groß prägte unter anderem aufgrund dieses Albums den Begriff „Hamburger Schule“. Die Musik war druckvoll, düster und beklemmend, die Texte deutsch, politisch, anspruchsvoll, streitbar. Songs wie „Lass uns nicht von Sex reden“ und „Penismonolog“ sind bis heute unerreicht. Blumfeld-Songs zeichnet eine kräftige Poesie aus, oft depressiv, gespickt mit erstaunlichen Metaphern. Ein Hauptthemen war immer die Liebe.
- Selbst als die Band mit „Old Nobody“ (1999) im Popbereich angekommen war – was zu heißen Diskussionen in der Szene führte – unterschied sie sich noch stark vom Mainstream. Mit der Single-Auskopplung „Tausend Tränen tief“ schafften Blumfeld es zum ersten Mal in die deutschen Charts. Prominent besetzt war das Video zum Song: Distelmeyer traf auf Schauspieler Helmut Berger.
- 2007 lösten sich Blumfeld auf. Im September 2009 erschien Distelmeyers erstes Solo-Album „Heavy“.
- Blumfeld traten vier Mal in Münster auf: 1992, 1994 (Gleis 22) und zwei Mal in der Sputnikhalle (1999, 2003).
Das Distelmeyer-Konzert findet am 3. Februar um 20 Uhr im Metropolis statt. Als Support spielt Laura Veirs.
Karten zu 18 Euro gibt es unter Tel. (0 18 05) 57 00 00 oder unter
www.eventim.de