MÜNSTER Was macht der Krieg mit dem Menschen? Eine spannende Ausstellung in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst in Münster lässt 15 internationale Künstler zu Wort kommen.Von Sabine Müller
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Schrecken der Folter: Eine Skulptur von Gil Shachar. (Foto: Sabine Müller)
Eine nackte Frau steht am Meeresstrand und schwingt einen Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht um ihre Hüften. Bei jeder Drehung bohren sich Spitzen ins Fleisch. Es fließt zwar kein Blut, aber der Bauch ist wund und zerschunden.
Das Video zeigt die Künstlerin Sigalit Landau. Ihr sich kontinuierlich windender Körper hat zugleich etwas Religiöses als auch Erotisches an sich. Die Wunden, der Dornenkranz, die Nacktheit, das ewige Kreisen. Es ist ein faszinierendes Bild schrecklicher Ausweglosigkeit. Das eigentlich unschuldige Kinderspiel wirkt wie ein böses, zwanghaftes Ritual, dessen selbstzerstörerische Kraft unaufhaltbar ist.
15 Statements zum Krieg
Sigalit Landau ist 1969 in Jerusalem geboren und lebt heute in Tel Aviv. Ihre Biografie rückt die ikonenhafte Inszenierung des Schmerzes auf eine politische Ebene. Das Video ist eines von 15 Statements zum Thema „Krieg/Individuum“, die bis zum 25. April in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst in Münster zu sehen sind.
Die beiden Kuratorinnen Susanne Düchting und Julia Wirxel haben Werke internationaler Künstler zu einer Ausstellung zusammengetragen, mit der zwei Grundsatzfragen gestellt werden: Was macht Krieg mit dem Individuum? Und: Wie verhält sich das
Individuum zum Krieg?
Lächeln vor dem Inferno
Ausgangspunkt waren Arbeiten von Martha Rosler. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre kritisierte sie mit einer Serie aus 20 Fotomontagen die unkritische Vietnam-Berichterstattung der Medien: Sie montierte Heile-Welt-Szenen aus amerikanischen Zeitschriften auf Kriegsbilder. So lässt sie eine Küche, die aus dem US-Pendant zu „Schöner Wohnen“ stammt, von Soldaten inspizieren. Eine Ava-Gardner-Schönheit in Abendrobe lüftet mit hinreißendem Lächeln eine Gardine – und gibt den Blick frei auf Soldaten, eine brennende Straße und eine kauernde, verletzte Frau. Das Inferno. Vor einigen Jahren ergänzte Rosler ihre Arbeiten um aktuelle Montagen – mit Material aus dem dritten Irakkrieg.
In Münster ist eine Mischung ihrer alten und neuen Montagen zu sehen. Sie sind ironisch, knallig, sehr direkt und unmissverständlich. In Münster kennt man das bereits von ihr: Zu den Skulptur-Projekten 2007 stellte sie ein Adleremblem aus dem Zweiten Weltkrieg mitten in die Stadt ans neue pompöse Einkaufszentrum – wo es heute noch steht.
Ähnlich offensiv arbeitet auch Randa Mirza: Die junge Künstlerin aus dem Libanon collagiert Kriegsfotografien mit ihren Privatbildern. Es entstehen ungemütliche Szenen, die dem Betrachter geradezu peinlich sind: Ein fröhliches Mädchen im Ringelshirt macht vor einem Panzer das Victory-Zeichen, zwei Männer im Freizeitlook betrachten eine Leiche.
Schrecken im Nachklang
Die meisten Arbeiten sind eher nüchtern und zurückgenommen, entwickeln Schrecken und Grauen erst im Nachklang. Dazu gehören die technokratischen Patentskizzen einer Streubombe (Lukas Einsele) oder das Daumenkino, das Folterszenen darstellt. Deutlich wird, wie wenig direkte Gräuelbilder es braucht, um Gänsehaut zu erzeugen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit von Helmut Smits. Er listet in einer Art Filmabspann sämtliche Soldaten auf, die bis zum 14. April 2009 in Afghanistan während der Operation „Enduring Freedom“ gestorben sind. Der Abspann beginnt wie bei einem Hollywoodfilm mit dem Wort „The end“ (Das Ende).
Bild der Folter
Ein Kunstwerk sticht besonders heraus. Gil Shachar, in Israel geboren, zeigt mit einfachen, realistischen Mitteln höchstmögliche Pein. Seine Skulptur: ein männlicher Oberkörper, die Hände auf den Rücken gebunden, einen Sack über den Kopf gezogen. Die Haltung zeigt, „wie einfach es ist, einen Menschen in eine unwürdige Situation zu bringen“, so der Künstler. „Die Skulptur zeigt etwas, was jeden Tag passiert“, so Shachar. Er habe sie gemacht, als er in der Zeitung von den Foltermethoden israelischer Geheimdienste las. „Das war vor 13 Jahren“, erzählt er. „Und heute ist es immer noch so.“
Führung empfohlen
Die Ausstellung setzt nicht auf Schockeffekte und sie ist auch nicht schockierend. Hier schleicht sich das Unbehagen ganz langsam unter die Haut. Empfehlenswert ist es, sich einer Führung anzuschließen, da einige Kunstwerke sich leichter durch das Gespräch als durch die reine Anschauung entschlüsseln lassen.
- Krieg/Individuum“, bis 25. April, Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst, Speicher II, Hafenweg 28. Die Eröffnung ist Freitag, 19. Februar, um 19.30 Uhr. Der Katalog erscheint Mitte März und wird ca. 12 Euro kosten.
- Es werden Führungen und Kunstgespräche angeboten. Die nächsten Termine: 20. Februar (Sa) 15 Uhr; 21. Februar (So) 16 Uhr; 28. Februar (So) 16 Uhr. K Filmabend am 12. März, 19 Uhr.
www.muenster.de/stadt/ausstellungshalle