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Medienhaus Lensing
09.07.2009 19:01 Uhr
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Münsters Berliner Kunstverein: Kunstspießer gesucht

MÜNSTER Manchmal sind die Dinge sehr sonderbar. Der Berliner Kunstverein, sollte man annehmen, residiert in Berlin. Tut er aber nicht. Er sitzt in Münster.Von Sabine Müller

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Susanne von Bülow hängt unter einer Brücke am Ring an einer öffentlichen Plakatwand die »Zuckergussbrüste« auf. Die süße Versuchung hat bislang eine Woche gehalten. Länger, als der Berliner Kunstverein jemals zu hoffen wagte. 

Der Direktor ist der freischaffende Künstler Oliver Breitenstein, Kurator sein Kollege Ruppe Koselleck, beide bekannt für bissige, witzige und extravagante Aktionskunst. Ihr kürzlich ins Leben gerufener Berliner Kunstverein „an der Peripherie von Berlin“ ist weder ein eingetragener Verein noch kann man Vereinsmitglied werden. Höchstens eine „einflusslose Fördermitgliedschaft“ ist möglich. Wie es sich für einen Kunstverein gehört, hat Direktor Breitenstein jetzt auch einen Förderpreis ausgerufen. Der Titel: „Ich bin ein Kunstspießer“.

Künstler in Badehose

Die Satire ist mit den Händen greifbar. Und es wird noch grotesker. Auf dem Internetportal „Youtube“ ist jetzt ein etwas verschwommener Videofilm zu sehen: Künstler Koselleck in Badehose am Kanal, nach Pfandflaschen tauchend. Wieder angezogen wechselt er im Supermarkt das Pfand, um dann mit den eingenommenen 63 Cent ein Sparbuch zu eröffnen: „Kapitalbeschaffung für den Förderpreis des Berliner Kunstvereins“. Breitenstein setzt noch eins drauf. Er wird demnächst vor der Bonner Kunsthalle Gelder zusammenbetteln, um den Sparbuchbetrag weiter aufzustocken.

Der Beginn eines Fakes

Die Idee zum Kunstverein kam den beiden Künstlern beim Googeln. Sie stellten fest, dass die Internetadresse www.berliner-kunstverein.com noch frei war, und kauften sie. „Viele Künstler hauen nach Berlin ab, die Hauptstadt hat so viel aufgesogen“, sagt Koselleck. Und Breitenstein fügt hinzu: „Als Künstler muss man derzeit eine Ausstellung in Berlin machen. Also haben wir Berlin nach Münster geholt.“ Der Beginn eines Fakes.

Still und heimlich haben sich die „Berliner“ in den öffentlichen Raum Münsters geschoben. „Subversiv und spontan“ platzieren sie „qualitative Positionen abseits des Kunstmarktes“. Die Basler Konzeptkünstlerin Ilse Ermen ließ einen weißen Gipsbuchstaben „N“ in Münster verstecken, der Kunstverein rief zur Suche auf. Das „Kommando Kunstpolizei“, eine Gruppe anonymer Künstler, montierte ans Hindenburgplatz-Straßenschild ein Paul-Wulf-Platz-Schild. Der Name des „Steigbügelhalters des Führers“ sollte ersetzt werden durch den Namen des zwangssterilisierten Opfers der Nazis. Ein Seitenhieb auch auf Silke Wagners umstrittene Paul Wulf-Skulptur: Das Kommando Kunstpolizei riet ihr, den „Gartenzwergwulf“ blau einzufärben und an den „Standort Schlumpfhausen“ zu versetzen.

Zuckerbrüste

Vor knapp einer Woche hat Künstlerin Susanne von Bülow ihren „Zuckerbrusttorso“ unter einer Eisenbahnbrücke am Ring plakatiert. Eine hochwertige Druckgrafik mit echten Zuckergussbrüsten. Ohne Anmeldung, ohne Genehmigung. Mittlerweile wurde neu plakatiert. Aber nur drumherum: Aus irgendeinem Grund hat der Plakatierer die Brüste erhalten. Hat er sie als Kunst erkannt?

Auf den Kunstspießerförderpreis kann der Plakatierer damit wohl nicht hoffen. Für Breitenstein sind Kunstspießer „Schwarz-Weiß-Denker“. Und er gibt zu: „Ich neige manchmal auch dazu und wollte mir den Preis schon selbst verleihen, weil mir die Paul-Wulf-Skulptur ästhetisch überhaupt nicht gefällt. Dabei sollte ich sie doch respektieren können.“

Die Spinner in Münster?

Der richtige Berliner Kunstverein, der „Neuer Berliner Kunstverein“ heißt, scheint noch keinen Wind von seinem Zwillingsbruder bekommen zu haben. Das wird sich jetzt vielleicht ändern. Das Kunstmagazin „art“ stellt die Münsteraner in ihrer Kunstvereinsserie demnächst vor. Breitenstein: „Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Bislang hat der Neue Berliner Kunstverein noch nicht reagiert. Wer weiß, vielleicht kommt es ja sogar zu einem Rechtsstreit, oder die stehen über den Dingen und sagen: Lass die Spinner in Münster mal machen.“


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