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Medienhaus Lensing
30.12.2008 19:27 Uhr
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Verliebt in Vilnius: Eine Reise in die Kulturhauptstadt 2009

VILNIUS Vilnius und Linz sind im Jahr 2009 Kulturhauptstadt. Die Reise nach Vilnius führt unter anderem zu einem Restaurantbesitzer mit den besten Hühnchen ganz Litauens.Anna Martinsohn

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Das Panorama von Vilnius: Die litauische Stadt ist im Jahr 2009 - zeitgleich mit dem österreichischen Linz - Kulturhauptstadt. (Foto: Martinsohn)

Nichts ist mehr wie es mal war: Florenz ist kein italienisches Frühlingsmärchen, Paris nicht der Verliebten Sommernachtstraum, selbst Venedig ist degradiert. Was passiert ist? Ich habe Vilnius gesehen. Es ist nach Mitternacht, und ich habe gut gegessen. Unentschlossen stehe ich unter einer Laterne im Zentrum der litauischen Hauptstadt und betrachte einen Wegweiser vor einer kleinen Bar. Hotel oder Bar? Der Müdigkeit nachgeben oder auf ins Nachtleben? Dank Darius, dem Besitzer der Bar, entscheidet sich das schnell. „Worauf wartest du denn? Na los – komm rein! Woher kommst du? Münster? Da gibt’s doch Pinkus.“ Einem solchen Mann von Welt folgt man natürlich gern.

„Mekka des Jazz“

Er erzählt vom zukünftigen „kulturellen Mittelpunkt Europas“, einem „Mekka des Jazz“, einem „Potpourri der Bühnenkunst“ und einer „Orchestermeile der Straßenmusik“. Vilnius ist Kulturhauptstadt 2009. Er breitet einen Stadtplan aus und beginnt seine kulturellen und kulinarischen Highlights einzuzeichnen. Die schönste Kirche sei die „St. Annen-Kirche“, und zum Mittagessen sollte man unbedingt in sein Restaurant „Blusnye“ kommen, schließlich mache er das „beste Hühnchen in ganz Vilnius“.

Die Nacht war lang. Am zweiten Tag mache ich mich auf die Suche nach meinen Highlights. Die Altstadt liegt friedlich und malerisch direkt am Fluss Vilnelé: Fassaden in hellen Tönen, verwinkelte Gassen, Erker und Türmchen, kühle Kirchenschluchten und warme Plätze, auf denen Kreidekünstler, Musiker und Skateboarder die Touristen unterhalten. Manchmal wähne ich mich fast in Italien – nur die Mopeds fehlen. Dafür fahren ältere sowjetische und polnische Automobilprodukte, die offensichtlich ohne Katalysator und Partikelfilter auskommen.

Das Land hat viel durchgemacht

Litauen hat viel durchgemacht: Es war polnisch, gehörte dann zu Russland, wurde von deutschen Truppen, später von der Roten Armee besetzt. Nach wechselnden Besatzungsperioden wird das Land schließlich von den Sowjets unterworfen. Als Anfang der 1990er Jahre fast zeitgleich mit Estland und Lettland auch Litauen seine Unabhängigkeit erklärt, ist die Zeit des Aufbruchs gekommen. Auf der Suche nach einer neuen Identität besinnt man sich der frühen demokratischen Wurzeln, ist aufgeschlossen, orientiert sich am Westen.

Frank Zappa "stürzt" Lenin

Die Identitätsfindung gipfelt im selbst erklärten unabhängigen Stadtteil „Uzupio“, was so viel bedeutet wie „auf der anderen Seite des Flusses“. Die Unabhängigkeit stürzte dort Lenin vom Sockel und ersetzte ihn durch keinen anderen als Frank Zappa. Neben der auf Metalltafeln eingravierten Verfassung in 41 Punkten finde ich hier verfallene Hinterhöfe, Kleinkunst, Galerien und zahlreiche Bars. Ein Großteil der alternativen und linken Künstlerszene der Stadt ist hier zu Hause.

Daniel, ein New Yorker Schriftsteller, kommt jedes Jahr nach Vilnius. Für ihn ist es „eine Stadt mit Magie und etwas undefinierbar Besonderem“. Das Teehaus Skonis ir Kvapas ist sein Lieblingsort. Hier sitzt er jeden Tag und schreibt. „Wenn ich zu Hause im Starbucks auf der 76ten einen Kaffee bestelle, erzähle ich der Bedienung jedes Mal vom Skonis. Ich sage dann nur, ein Glück, dass ihr das Skonis nicht kennt. Ihr würdet euch jeden Tag schämen müssen.“

Selbstbewusste Stadt

Vilnius ist preiswert, aber nicht billig, selbstbewusst aber nicht selbstverliebt, extrovertiert, jedoch nicht aufdringlich, voller Zuversicht, aber ohne eine Spur von Naivität. Wenn zur Neujahrsnacht ein gigantisches Feuerwerk die „European Capital of Culture 2009“ eröffnet, beginnt der touristische Ausnahmezustand. Kulturbegeisterte werden eine Reise „in den Osten“ antreten. Ob sie zur Büchermesse im Februar anreisen, zu den Tagen der Straßenmusik im Mai, zur Mittsommernachtskunst im Juni oder zum „Festival des Lichts“ im November, sie werden sich in die Stadt verlieben. So wie ich.

www.culturelive09.lt/de/main/


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